Global
Karriere

Coming Out: Ein Interview mit Christian Kaufmann

Laut einer aktuellen Studie sind 85 Prozent der LGBT*IQ-Talente in Deutschland bereit, sich zu outen – tatsächlich tut es am Arbeitsplatz aber nur knapp jeder Dritte. Dabei ist ein offener Umgang mit der eigenen sexuellen Orientierung und Identität mit vielen Vorteilen – für Mitarbeiter und Arbeitgeber – verbunden, wie z.B. einer höheren Arbeitszufriedenheit und Leistungskraft. Die Stiftung Prout at work, bei der BASF Gründungsmitglied ist, bietet regelmäßig Seminare für homo-, bi- und transsexuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Dort treffen sie sich mit Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, in einem geschützten Raum und können sich über die Chancen und Herausforderungen des Coming Outs am Arbeitsplatz austauschen. 

Christian Kaufmann ist Mitarbeiter der BASF SE in Ludwigshafen am Rhein und arbeitet dort seit 2011 in der Abteilung Standortsicherheit. Er nahm an dem Seminar „Soll ich oder soll ich nicht? – Coming out am Arbeitsplatzteil“ teil und erklärt, was sich danach für ihn veränderte.

Herr Kaufmann, wie kam es dazu, dass Sie an dem Seminar teilgenommen haben?

Bei meinem ehemaligen Arbeitgeber war Homosexualität ein absolutes Tabuthema. Wenn überhaupt darüber gesprochen wurde, dann sehr abfällig, von geouteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gab es keine Spur. Mein damaliger Arbeitsalltag war ein Spießrutenlauf zwischen Fragen ausweichen und Geschichten erfinden. Ich konnte zum Beispiel nicht offen vom Wochenende mit meinem Freund erzählen, sondern war für meine Kollegen der ewige Single. Dieses Versteckspiel war eine einzige Belastung für mich, beruflich wie privat. Meine größte Befürchtung war, dass mir meine Homosexualität zum Nachteil ausgelegt werden könnte – dass ich etwa als Vorgesetzter nicht mehr ernst genommen würde.

Vor diesem Hintergrund wusste ich bei meinem Wechsel in die BASF anfangs nicht, ob ich mich dort outen soll. Das änderte sich aber schnell, als ich etwas später in ein neues Team kam und zwei lesbische Kolleginnen und einen schwulen Kollegen hatte. Außerdem stand meine Hochzeit unmittelbar bevor und ich wollte meinen Verlobten nicht mehr verleugnen.

Meine Kollegen erzählten mir von unserem BASF-Netzwerk LGBT+Friends. Von meinen Kollegen und dem Netzwerk bekam ich schnell Antworten, Zuspruch und konkrete Hilfe, wie z.B. das Angebot, am Seminar zum Thema Coming Out am Arbeitsplatz teilzunehmen.

 

Was ist Ihnen von dem Seminar am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Prägnant waren die unterschiedlichen Biografien der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die individuellen Outing-Geschichten und -Fortschritte. Unsere Trainerin stellte verschiedene Kommunikationsmodelle, aktuelle Studien, Vorgehensweisen und Lösungsansätze zum Thema vor. Am interessantesten war für mich meine eigene Coming Out-Biografie: Während wir unseren Lebensweg auf großen Plakaten aufzeichneten, wurde mir klar, wie viel Zeit ich darauf verwendet und verschwendet hatte, mich zu verstecken und zu verstellen.

Ich kann nur jedem raten: Macht euch und anderen nichts vor. Wendet euch in der Firma an eine Person, der ihr vertraut. Außerdem kann ich das Seminar empfehlen; denn danach fällt das Coming-out leichter und dann beginnt ein befreites Leben, beruflich wie auch privat!

 

Was genau hat sich nach dem Seminar für Sie beruflich geändert?

Als erstes ist mir eine riesige Last von den Schultern gefallen. Ich kann jetzt ganz offen über persönliche Dinge mit meinem Arbeitsumfeld sprechen und muss mich nicht mehr verstecken. Das macht natürlich auch den Umgang mit Kollegen viel entspannter. Und ich bin seit einiger Zeit im Organisationsteam unseres Firmennetzwerks LGBT+Friends aktiv.