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Blick zurück nach vorn

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Die Identität eines Unternehmens ist wesentlich durch seine erinnerte Geschichte bestimmt.

Die Vergangenheit zu vergegenwärtigen, ist auch für Unternehmen von hohem Wert: Zu wissen, wo ein Unternehmen herkommt, wie es Höhen und Tiefen gemeistert hat, gibt Inspiration für neue Visionen, Ziele und Lösungen und spielt auch bei der Mitarbeiterbindung und -gewinnung eine wichtige Rolle. „Firmengeschichte ist ein guter Weg, um die Unternehmenskultur zu verstehen und zu verdeutlichen, wie diese entstanden ist“, erklärt Geoffrey Jones, Ph.D., Professor für Business History an der Harvard Business School in Boston. Der damit gewonnene „ideelle, nicht messbare Mehrwert“, wie Dr. Andrea H. Schneider, Geschäftsführerin der 1976 gegründeten und in Frankfurt am Main ansässigen Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) betont, kann selbst bei Firmenfusionen eine Rolle spielen: „Unternehmensgeschichte zeigt Werte auf. Diese bei einer Fusion zu vernachlässigen, kann ein Grund dafür sein, dass es nicht klappt“, so Schneider.
Doch die erinnerte Geschichte vermag noch weitaus mehr zu bewirken. „Unternehmensgeschichte hat das Potenzial, das Image und die Reputation des Unternehmens bei Kunden, Zulieferern, Aktionären und in der Öffentlichkeit zu stützen und zu verbessern“, sagt Professor Jones und ergänzt: „Damit zeigt ein Unternehmen, dass es sein Erbe schätzt, dass es seine bedeutende Stellung in einer Region und das, was es tut, ernst nimmt und sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist.“

Gerade der letzte Aspekt verlangt nach einer authentischen Darstellung der Unternehmensgeschichte, die sich nicht allein auf Erfolge reduziert. „Wir kommunizieren auch historisch schwierige Phasen transparent und dazu gehört auch, Anfragen von Wissenschaftlern oder Medien zu beantworten“, betont Úlia de Domènech, Leiterin von Corporate History bei BASF. Beispiele dafür sind die Rolle des Unternehmens im Ersten Weltkrieg oder die Verstrickungen mit dem NS-Regime im Rahmen der I.G. Farben, dem 1925 erfolgten Zusammenschluss von Agfa, BASF, Bayer, Hoechst und einigen kleineren deutschen Chemiefirmen. Das sind Themen, die in der von namhaften Historikern verfassten und 2002 veröffentlichten Chronik „Die BASF – Eine Unternehmensgeschichte“ detailliert dargestellt werden. Das Buch ist zudem ein Beispiel dafür, dass in der Unternehmensgeschichtsschreibung zunehmend wissenschaftliche Fragestellungen dominieren. „Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag, um moderne Geschichte zu verstehen“, bestätigt Schneider. So hat aktuell etwa die historische Analyse von Netzwerken Forschungskonjunktur.

„Firmengeschichte ist ein guter Weg, um die Unternehmenskultur zu verstehen und zu verdeutlichen, wie diese entstanden ist.“

Geoffrey Jones, Ph.D., Professor für Business History an der Harvard Business School in Boston

Das Historikerteam um Úlia de Domènech hütet die knapp 3.000 laufenden Meter Schriftgut, die rund 30.000 historischen Fotos und eine Sammlung historischer Ausstellungsobjekte, die im Unternehmensarchiv verwahrt und ausgewertet werden. „Es ist das Gedächtnis des Unternehmens“, sagt de Domènech, „eine wahre Schatzkammer für Wissen und Inspiration.“ Dazu gehören auch Berichte des ersten Werksarztes der deutschen chemischen Industrie, der 1866 eingestellt wurde. Dokumente wie diese schreiben nicht nur Unternehmensgeschichte, sondern gehören darüber hinaus zur kollektiven Erinnerung, dem kulturellen Gedächtnis – weshalb sie als nationales Kulturgut registriert sind. Aber auch im operativen Tagesgeschäft spielt das Wissen aus der Vergangenheit eine wichtige Rolle: Die Klärung von möglichen Bodenverunreinigungen im Rahmen von Baumaßnahmen kommt beispielsweise nicht ohne historische Informationen aus und auch bei Patentfragen liefern Dokumente aus früheren Zeiten belastbare Informationen.

Der kollektive Blick zurück kann keine Blaupausen liefern für heute anstehende Entscheidungen. Professor Jones hält ihn jedoch für ein wichtiges Managementtool – auch und gerade in Zeiten multikultureller Teams und des immer schneller stattfindenden Wechsels in den Führungsetagen von Unternehmen. Der gerne geäußerte Spruch „diesmal ist alles anders“ verkenne, dass sich zwar die Umstände ändern mögen, bestimmte Muster sich aber tendenziell wiederholen. „Das Wissen über historische Tatsachen liefert nicht unbedingt einen Handlungsleitfaden, schärft aber den Blick bei der aktuellen Situationsanalyse“, stellt Jones klar.
Sich allein an Zahlen, Daten und Fakten zu orientieren, reicht dabei nicht aus. Ohne den Faktor Mensch bleibt ein Unternehmen, bleibt Unternehmensgeschichte abstrakt und buchstäblich gesichtslos.
Dem „Storytelling“ vom charismatischen Firmengründer oder genialen Erfinder ist dabei nicht das Wort geredet, stellt GUG-Geschäftsführerin Schneider fest. „Eine zeitgemäße Unternehmensgeschichte blickt auch auf die Mitarbeiter und nicht nur auf die Führungspersönlichkeiten.“

 

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BASF ist seit 130 Jahren ein Partner der chinesischen Wirtschaft. Bereits 1885 begann das Unternehmen in China Textilfarbstoffe zu verkaufen, die damals zu den wichtigsten chemischen Produkten zählten. Heute verfügt BASF in China über eine starke Produktionsbasis, ein umfangreiches Vertriebsnetz sowie leistungsfähige Forschungseinrichtungen. Das Buch „Eine lange Reise“ erzählt die spannende Geschichte, wie aus BASF der größte ausländische Chemieinvestor in China wurde. Es erscheint zum BASF-Jubiläum im Frühjahr 2015 in deutscher, englischer und chinesischer Sprache.

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