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Die Saat der Zweiten Grünen Revolution säen

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Bis 2050 dürfte die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen anwachsen. Kann unser Ernährungssystem jeden mit ausreichend Nahrung für ein gesundes Leben versorgen und gleichzeitig eine gesunde Umwelt erhalten? Professor Prabhu Pingali, Ph.D., Direktor der Tata-Cornell Agriculture and Nutrition Initiative, beantwortet diese Frage mit vorsichtigem Optimismus. Für unerlässlich hält er allerdings eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft und eine wirksame Zusammenarbeit auf politischer Ebene.

Creating Chemistry: Es besteht heute ein breites Interesse an der Nachhaltigkeit und Leistungsfähigkeit des globalen Ernährungssystems. Wie hat sich das Bewusstsein für diese Themen seit dem Beginn Ihrer Karriere in den frühen 1980ern verändert?
Professor Prabhu Pingali, Ph.D.: Als ich Anfang der Achtziger mit meiner Arbeit im Bereich Landwirtschaft und Ernährung begann, lag das Augenmerk fast ausschließlich auf den Hauptgetreidesorten Reis, Weizen und Mais. Die Steigerung der Gesamtproduktion stand im Vordergrund. Man hatte allenfalls in Ansätzen verstanden, dass das Ernährungssystem ganzheitlich zu betrachten und ein vielfältiges Nahrungsmittelangebot für die Verbraucher zu schaffen ist. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren grundlegend geändert: Von diesem Fokus haben wir uns wegbewegt zu einer breiteren Sicht auf das Ernährungssystem vom Hof bis auf den Teller.  

Sie sind seit 2013 Gründungsdirektor der neuen Tata-Cornell Agriculture and Nutrition Initiative, deren Schwerpunkt auf der Suche nach „landwirtschaftlichen Lösungen zur Bekämpfung von Armut und Mangelernährung in den ländlichen Gebieten Indiens“ liegt. Denken Sie, die Väter der Ersten Grünen Revolution hätten geglaubt, dass eine solche Initiative heute noch notwendig ist?
Ich bin sicher, sie wären überrascht. Im Mittelpunkt der Grünen Revolution standen vor allem Reis, Weizen und die Selbstversorgung. Zum Beispiel konnte Indien in den frühen 80er Jahren seinen Nahrungsmittelbedarf selbst decken. Doch dann kam die Zeit zwischen 1985 und 2005, die ich die verlorenen Jahrzehnte der Landwirtschaft nenne: In Indien und in vielen anderen Entwicklungsländern stellten die Regierungen ihre Investitionen in die Landwirtschaft ein, da sie dachten, das Problem sei gelöst. Das ist ein Grund dafür, dass in ländlichen Gebieten die Armut auch heute noch so groß ist.  Zudem hat man sich auf Regierungsebene nie damit beschäftigt, welche Bedeutung eine abwechslungsreichere Ernährung hat – mit der Folge, dass im Vergleich zu den genannten Getreidesorten zu wenig in Gemüseanbau und Tierproduktion investiert wurde. Diese unausgeglichene Situation zeigt sich nun in einem Land wie Indien: Dort ist die Wirtschaft rasant gewachsen, gleichzeitig leidet aber ein äußerst hoher Anteil vor allem der armen Bevölkerungsschichten an Mangelernährung. Das Institut wurde gegründet, um diese Missstände aufzugreifen. Wir wollen herausfinden, wie Landwirtschaft und Ernährung wieder zusammengeführt werden können. 

“Die Technologien und Bodenressourcen haben wir, und wenn die Regierungen die Beseitigung von Hunger und Mangelernährung konzentriert angehen, dann können wir dieses Ziel auch erreichen.”

Professor Prabhu Pingali, Direktor der Tata-Cornell Agriculture and Nutrition Initiative

Die Weltbevölkerung soll bis 2050 um rund ein Drittel ansteigen. Laut Welternährungsorganisation bedeutet dies, dass 70 % mehr Nahrungsmittel erzeugt werden müssen. Wie können wir das auf nachhaltige Art und Weise erreichen?
Ich glaube, wir können das schaffen, und zwar mit nachhaltigen Lösungen. In vielen Entwicklungsländern liegen die Agrarerträge heute deutlich unter dem, was möglich wäre – diese Lücke muss geschlossen werden. Wenn man sich in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten darauf konzentriert, die Produktion auf den bestehenden landwirtschaftlichen Nutzflächen zu intensivieren, werden die Gesamterträge steigen, ohne dass neues Land erschlossen werden muss. Und nachhaltige Intensivierung ist machbar; zum Beispiel könnte man sich anschauen, mit welchen Lösungen die Effizienz von Düngemitteleinsatz und Bewässerung gesteigert werden kann. Intensivierung und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand. 

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Bewertung der lokalen Gemüse-Wertschöpfungskette in einem Dorf in Ostindien im Februar 2014.

Gleichzeitig sind auch Nahrungsmittelverluste ein riesiges Problem. In Entwicklungsländern treten sie am Anfang der Lieferkette auf: Feldfrüchte verderben, bevor sie gegessen oder verkauft werden. Was kann man dagegen tun?
In Entwicklungsländern entstehen die Verluste zum Großteil bei der Ernte oder kurz danach. Ich denke, diese Probleme lassen sich lösen, indem der Privatsektor umfassend in diesen Bereichen investiert. Das können auch kleine Veränderungen sein, zum Beispiel bessere Getreidesäcke, die schädliche Insekten von den Körnern fernhalten. Möglich wären auch Kühlsysteme für die Lagerung und eine Verbesserung der Transportmöglichkeiten. Doch viele dieser Maßnahmen müssen so umgesetzt werden, dass sie vor allem Kleinbauern erreichen. Auch den Regierungen kann eine wichtige Rolle zukommen, wenn sie Kleinunternehmen fördern, die sich um Nachernteprozesse kümmern.  

2013 haben Industrieländer auf dem „Nutrition for Growth“-Gipfel in London die Zusage gemacht, ihre jährlichen Ausgaben für die globale Ernährungssicherung bis 2020 von rund 418 Millionen auf 900 Millionen US-Dollar zu verdoppeln. Wie sollte dieses Geld Ihrer Meinung nach eingesetzt werden?
Ich denke, man sollte dies als Chance sehen, sich besonders stark auf die armen Bevölkerungsschichten und die Mangelernährung in ländlichen Gebieten zu konzentrieren und nach Ansätzen suchen, um dieses Problem zu lösen. Wir sollten vor allem eine höhere Produktivität bäuerlicher Kleinbetriebe anstreben und uns gleichzeitig fragen, was bei der Bekämpfung der dringendsten Ernährungsdefizite dieser Bevölkerungsgruppen mit biologisch angereicherten Feldfrüchten erreicht werden kann. Außerdem sollte man sich anschauen, wie ihre Produktionssysteme diversifiziert werden können. Wenn wir all das kombinieren und zusätzlich in die Wasser- und Sanitärversorgung investieren, dann denke ich, dass wir die Ernährungssicherheit entscheidend verbessern können. 

Gentechnische Veränderungen beinhalten Änderungen in der DNA einer Pflanze, um sie mit Eigenschaften auszustatten, die durch konventionelle Züchtung nicht erreicht werden können. Mit Hilfe der Genomik werden indes die Funktionen aller Gene eines Organismus analysiert, welche die inhärenten Pflanzeneigenschaften steuern. Diese Erkenntnisse können zum Beispiel dafür genutzt werden, neue Pflanzensorten effizienter zu züchten.

Wie bedeutend sind die neuesten Fortschritte in der Genomik und der Verbesserung von Nutzpflanzen beispielsweise bei biologisch angereicherten Sorten (wie Maniok mit höherem Vitamin-A-Gehalt) und verbesserter Resistenz gegen Klimastress und den Salzgehalt des Wassers?
Fortschritte in der Genomik haben einige bemerkenswerte neue Sorten hervorgebracht: trockentolerante und natürlich auch biologisch angereicherte Nutzpflanzen. Doch was anbaufähige Produkte betrifft, sind die Erfolge der Genomik noch relativ gering. Ein Hauptgrund dafür ist die negative Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber gentechnisch veränderten Pflanzen, die sich auch auf rein gendiagnostische Verfahren überträgt, da der Unterschied zwischen den beiden Ansätzen kaum wahrgenommen wird. Das ist ein Problem. Die Wissenschaftler konnten nicht vermitteln, dass die Genomik für sich genommen eine wichtige und von der Entwicklung transgener Kulturpflanzen zunächst einmal unabhängige Innovation darstellt. Dieses Wahrnehmungsproblem muss adressiert werden.  

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Prabhu Pingali besucht ein Mittagessen-Programm in einer Schule in Bangalore/Indien im Februar 2014.

Wie können wir am besten gewährleisten, dass diese optimierten Sorten auch wirklich diejenigen erreichen, die am stärksten davon profitieren könnten?
In den frühen Jahren der Grünen Revolution wurden weltumspannende Züchternetzwerke aufgebaut, die den freien Austausch genetischer Ressourcen und verbesserter Sorten erlaubten. Die Züchter konnten optimiertes Material unter den vor Ort herrschenden Bedingungen testen und dann für die Zulassung in ihren Ländern sorgen. Das war eine größere Operation und in den 90er Jahren lösten sich viele dieser Netzwerke auf. Es fehlte der nötige öffentliche Rückhalt, und das hat die Verbreitung neuer und moderner Materialien enorm erschwert. Wenn man einen Weg fände, diese Art von Züchternetzwerken wiederzubeleben und Pflanzenzüchtern damit den freien Austausch ihrer Materialien zu ermöglichen, dann wäre das ein großer Fortschritt.  

Technologien wie SMS und GPS sind mittlerweile allgemein verfügbar und selbst der ärmste Landwirt besitzt heute ein Mobiltelefon. Wie können diese Technologien eingesetzt werden, um die Nahrungsmittelsicherheit und Nährstoffversorgung zu verbessern?
Was Preisinformationen betrifft, schließen Mobiltelefone sicherlich eine Lücke. Die Landwirte prüfen die Marktpreise und handeln entsprechend – ein schneller Erfolg also. Komplizierter ist die Lage bei der Echtzeit-Beratung im Anbaumanagement, die mit Smartphones möglich wäre. In diesem Bereich wird viel experimentiert. Landwirte fotografieren zum Beispiel Pflanzen mit Krankheitsbefall, senden das Bild an ein Labor und erhalten von dort eine Rückmeldung. Die eigentliche Herausforderung ist die Ausweitung dieser Dienste. Wie lässt sich daraus ein nutzbringendes Betätigungsfeld für Kleinunternehmen entwickeln? Bisher geschieht dies nur in wenigen Regionen mit kleinbäuerlichen Betrieben. Um das langfristig aufrechtzuerhalten, müssen die Informationsdienstleistungen von Kleinunternehmen erbracht werden.  

Die Förderung von Selbsthilfegruppen für Frauen ist ein Bereich, in dem ich echte positive Veränderungen feststelle.
Professor Prabhu Pingali
Direktor der Tata-Cornell Agriculture and Nutrition Initiative

“Die Förderung von Selbsthilfegruppen für Frauen ist ein Bereich, in dem ich echte positive Veränderungen feststelle.”

Professor Prabhu Pingali, Direktor der Tata-Cornell Agriculture and Nutrition Initiative

Der beste Ansatz für mehr öffentliche Gesundheit besteht laut Analysen der Weltbank darin, die Verantwortung für Ernährung und Einkommensverwaltung in die Hände der Frauen zu legen. Denn sie neigen eher dazu, in die Gesundheit und die Ernährung ihrer Kinder zu investieren. Wie können wir die produktiven Kapazitäten der Landwirtinnen freisetzen?
Frauen sind in der Landwirtschaft entscheidend, wenn man einen Anstieg der Gesamtproduktivität im Agrarwesen und mehr Ernährungssicherheit erreichen will. Die Förderung von Selbsthilfegruppen für Frauen ist ein Bereich, in dem ich echte positive Veränderungen feststelle. Das trifft auf Indien zu, aber auch in anderen Entwicklungsländern machen sich erste Erfolge bemerkbar. Selbsthilfegruppen für Frauen entstanden ursprünglich im Kontext von Mikrofinanzierungen. Sie haben sich aber weiterentwickelt und nehmen sich heute umfassenderer Herausforderungen rund um die kleinbäuerliche Produktivität sowie der allgemeinen Entwicklung und Steuerung im ländlichen Raum an. Das ist die Plattform, auf die wir uns meiner Meinung nach konzentrieren müssen. Statt Lippenbekenntnisse zur Gleichstellung der Geschlechter abzugeben, müssen wir uns ansehen, wie Frauen im ländlichen Raum ihre Rolle neu definieren, und einen Weg finden, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um einen Wandel herbeizuführen.   


Mit dem Begriff „Grüne Revolution“ wird der technologische Quantensprung bezeichnet, der sich von circa 1960 bis 1990 in der Landwirtschaft vollzog: In dieser Zeit wurde in großem Maße in die Agrarforschung investiert, um die weitverbreiteten Hungersnöte in Entwicklungsländern zu bekämpfen. Die Einführung von kreuzgezüchteten „Hochertragssorten“, vor allem von Reis und Weizen, in Kombination mit Bewässerung und industriell erzeugten Düngemitteln sorgte für ein beispielloses Wachstum bei den Ernteerträgen. Viele erkennen den technischen Erfolg der Grünen Revolution zwar an, weisen aber auch auf die Schattenseiten hin, etwa die negativen Auswirkungen auf die Umwelt und die öffentliche Gesundheit durch den nahezu ausschließlichen Fokus auf Ertrag. Auch die Artenvielfalt und der Nährwert wurden weitgehend ignoriert. In den vergangenen Jahren wurde der Begriff der „Zweiten Grünen Revolution“ genutzt, um eine neue Welle an nachhaltigeren Investitionen in das Agrarwachstum zu beschreiben.

Landwirtschaft kann ein Wachstumsmotor sein, aber in Entwicklungsländern zieht es viele junge Menschen in die Städte. Wie können wir gewährleisten, dass die Landwirtschaft den jüngeren Generationen auch weiterhin machbare und attraktive Perspektiven bietet?
Die Anziehungskraft der Ballungsgebiete wird anhalten. Auf dem Land Geschäftschancen für Unternehmer zu schaffen, scheint mir der beste Lösungsansatz zu sein – hierfür bieten sich Agrardienstleistungen, Informationssysteme und Nachernteprozesse an. Wenn das gelingt, eröffnet sich jungen Menschen die Chance, genug für ein gutes Leben auf dem Land zu verdienen. Aber die Regierungen investieren kaum in das Wachstum und den Erfolg solcher ländlichen Unternehmen. 

Glauben Sie, dass die Menschheit das Ende von Hunger und Mangelernährung in der Welt in den kommenden Jahrzehnten erleben wird?
Die Frage ist: Können wir oder werden wir? Ich glaube, wir können auf jeden Fall. Die Technologien und Bodenressourcen haben wir, und wenn die Regierungen die Beseitigung von Hunger und Mangelernährung konzentriert angehen, dann können wir dieses Ziel auch erreichen. Aber werden wir? Da bin ich weniger zuversichtlich. Den politischen Entscheidungsträgern geht es noch immer vor allem um die Städte und es gibt kaum Abstimmungen zwischen Innenpolitik und internationalen Beziehungen. Wenn wir es nicht schaffen, die verschiedenen politischen Gruppierungen dazu zu bringen, sich an einen Tisch zu setzen und die Beseitigung von Hunger und Mangelernährung als gemeinsames Ziel in den Blick zu nehmen, werden wir keinen Erfolg haben. Aber die Möglichkeiten haben wir. Wir können es schaffen.

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Professor Prabhu Pingali, Ph.D., ist ein führender Experte für Landwirtschaft und Ernährungssicherung im Kontext globaler Entwicklungsprozesse. Die berufliche Laufbahn des Wirtschaftswissenschaftlers begann 1982 bei der Weltbank, gefolgt von einer Stelle als Agrarökonom am International Rice Research Institute (1987 bis 1996). Von 1996 bis 2002 war er Direktor des International Maize and Wheat Improvement Center. Von 2002 bis 2008 war er Direktor der Agricultural and Development Economics Division der Welternährungsorganisation (FAO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Anschließend war er von 2008 bis 2013 Deputy Director of Agriculture Development bei der Bill & Melinda Gates Foundation. Derzeit ist Pingali Professor an der Dyson School of Applied Economics and Management der Cornell University sowie Direktor der Tata-Cornell Agriculture and Nutrition Initiative, welche die Ursachen von Mangelernährung erforscht und nach landwirtschaftlichen Ansätzen sucht, um dieses Problem in Indien und in Entwicklungsländern zu lösen.