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Interview: Die Vision vom Kreislauf im Osten

Die chinesische Wirtschaft wächst – daher ist für uns alle wichtig, wie das Land mit dem Wirtschaften im Kreislaufmodell umgehen wird. Nach Auffassung von Professor Du Huanzheng, dem landesweit führenden Verfechter dieser Idee, hat China bei diesem neuen Wirtschaftsmodell einiges zu lernen, aber auch eine Menge weiterzugeben.

Professor Du Huanzheng ist Direktor des Circular Economy Research Institute der renommierten chinesischen Tongji-Universität seit dessen Gründung im Jahr 2014. Er ist außerdem stellvertretender Direktor des Center for Chinese Circular Economic Assessment and Environmental Forecast der einflussreichen Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften (CASS). 2005 hat er die Yangtze River Delta Research Academy of Circular Economy, eine der ersten Forschungseinrichtungen für Kreislaufwirtschaft in China, gegründet.

Creating Chemistry: Wie definieren Sie das Wirtschaften im Kreislaufmodell?

Professor Du Huanzheng: In einer linearen Wirtschaft verläuft der Prozess von den Rohstoffen, über die Produkte bis zum Abfall. Kreislaufwirtschaft verläuft im Kreis – von den Rohstoffen zu den Produkten und dann zurück zu erneuerbaren Ressourcen. Wir gehen hier in China einen Schritt weiter und betrachten Kreislaufwirtschaft als neues Wirtschaftsmodell, das sowohl unsere Produktionsmethoden als auch unsere Lebensweise verändert. Es besteht seit jeher eine Tradition der Massenproduktion, des Massenverbrauchs und des Massenabfalls. Was wir jetzt brauchen, sind ein neues ökologisches Konzept zu Beginn der Herstellung, eine umweltfreundliche Produktion, die wiederverwertbare und biologisch abbaubare Produkte umfasst, und ein verantwortungsvolles Konsum- und Recyclingverhalten – alles mit dem obersten Ziel einer nachhaltigen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.

„In China betrachten wir die Kreislaufwirtschaft als neues Wirtschaftsmodell, das sowohl unsere Produktionsmethoden als auch unsere Lebensweise verändert.“

Professor Du Huanzheng läuft am südwestlichen Studentenwohnheim vorbei, einem der ältesten Gebäude auf dem Campus der chinesischen Tongji-Universität in Schanghai.

Wie wurde zum ersten Mal Ihr persönliches Interesse am Thema Kreislaufwirtschaft geweckt?

1985 bin ich mit einigen Studenten in eine Kleinstadt in der Nähe von Wenzhou gefahren, einem der größten Produktionsstandorte für Niederspannungselektrogeräte in China. Dort wurden alte Transformatoren aus ganz China gesammelt und die noch nutzbaren neu lackiert und wieder verkauft. Den übrigen Geräten hat man die Bleche aus Siliziumstahl entnommen und daraus neue, kleinere Transformatoren hergestellt. So wollte man in China in den 80er Jahren Abfall vermeiden und das Problem knapper Ressourcen angehen. Anfang des 21. Jahrhunderts haben wir dann begonnen, über die Umweltauswirkungen der Wiederverwertung von Ressourcen nachzudenken. Im Gegensatz dazu stand in Deutschland und Japan der Umweltschutz am Anfang aller Überlegungen, und inzwischen widmet man sich auch dem Ressourcenproblem.

Welche Aspekte des Wirtschaftens im Kreislaufmodell werden aus chinesischer Sicht am dringendsten gebraucht?

Um den Änderungsprozess in die richtigen Bahnen zu lenken, müssen die Entscheider umdenken. Die Zentralregierung hat dies bereits getan. Nun muss die politische Führung auf lokaler Ebene folgen. China hat sich in den letzten 30 Jahren so rasant entwickelt, weil auf Grundlage des Bruttoinlandsprodukts (BIP) die Entscheider in kleinen Landkreisen zu Bürgermeistern größerer Städte und die Bürgermeister zu Vizegouverneuren ganzer Provinzen befördert worden sind. Doch dies hat zu einer Verschwendung von Ressourcen geführt. Baumaßnahmen schaffen BIP, Abrissarbeiten ebenso. Wir müssen eine neue Bewertungsmethode für Menschen in Führungspositionen nach dem Prinzip der „Ressourcenproduktivität“ anwenden, bei dem das BIP ins Verhältnis zum Verbrauch der wichtigsten Ressourcen gesetzt wird. In China versteht man darunter die 13 am meisten verwendeten Rohstoffe, darunter zum Beispiel Kohle, Stahl und Kupfer.

„Im Westen hat die Industrialisierung fast 200 Jahre in Anspruch genommen. Hier in China mussten wir diese Entwicklung in einer deutlich kürzeren Zeitspanne vollziehen.“

China hat ehrgeizige Pläne zur Förderung des Wirtschaftens im Kreislaufmodell bekanntgegeben und diese im jüngsten Fünfjahresplan des Landes festgeschrieben. Das ist sowohl bewundernswert als auch überraschend. Warum macht sich China, das die westlichen Volkswirtschaften noch nicht ganz eingeholt hat, diese Ideen bereits zu eigen?

Im Westen hat die Industrialisierung fast 200 Jahre in Anspruch genommen. Hier in China mussten wir diese Entwicklung in einer deutlich kürzeren Zeitspanne von nur drei Jahrzehnten vollziehen und dabei nicht nur die Probleme lösen, mit denen Industrieländer konfrontiert sind, sondern auch die von Entwicklungsländern. Als verantwortungsvolle Weltmacht sollte China eine Führungsrolle in der globalen nachhaltigen Entwicklung spielen, indem wir bei der Wind- und Sonnenenergie und anderen sauberen Energien eine Spitzenposition einnehmen. Wir wollen einen Weg finden, einen großen Entwicklungssprung zu machen, der anderen aufstrebenden Ländern als Beispiel dienen kann. 

Mitarbeiter zerlegen Elektroschrott in einer Abfallwiederverwertungsanlage in Wuhan in der Provinz Hubei. Die Kunststoffteile werden für die Produktion von Holz-Faser-Verbundwerkstoffen wiederverwertet.

China ist zwar sehr gut bei der Planung und der Formulierung von Zielen, scheint sich aber eher schwer damit zu tun, diese auch umzusetzen. In vielen Städten existiert nicht einmal die einfachste Mülltrennung oder ein grundlegendes Hausmüllrecycling. Was unternehmen Sie dagegen?

Das ist ein großes Problem. Wir haben im Jahr 2000 mit einem Pilotprogramm zur Mülltrennung in acht Städten begonnen, darunter Peking und Schanghai. Sechzehn Jahre später haben wir damit immer noch keinen Erfolg. Es gibt immer eine Handlungsaufforderung der Regierung, dann wird ein Dokument veröffentlicht, anschließend berichten die Medien darüber und dann tauchen Entscheidungsträger auf. Doch es gibt keinen langfristigen Mechanismus. Wir arbeiten nun an einer Systemlösung für kommunale Abfälle in Guangzhou, die unter anderem eine anfängliche Mülltrennung, -abfuhr und -sortierung vorsieht, gefolgt von einer Klassifizierung und Beseitigung je nach Kategorie. Sobald wir das System etabliert haben, werden wir Unternehmen aus der Privatwirtschaft dazu einladen, sich daran zu beteiligen und es nachhaltig zu gestalten.

Damit Wirtschaften im Kreislaufmodell gut funktioniert, müssen die Partner entlang der Wertschöpfungskette eng zusammenarbeiten, um Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Wie unterstützt China eine solche Kooperation?

Die Kreislaufwirtschaft löst sowohl Umwelt- als auch Ressourcenprobleme. Umweltprobleme sind eine öffentliche Angelegenheit. Das Ressourcenproblem hingegen muss vom Markt gelöst werden. Das Wiederverwerten von Ressourcen lässt sich nur durch Zusammenarbeit zwischen Regierung und Wirtschaft erreichen. Wenn wir zum Beispiel gebrauchte Milchpackungen oder Glasabfall wiederverwerten wollen, kann die Regierung durch die Subventionierung von Abfällen mit niedriger Wertschöpfung oder durch Lösungen, die die Produzenten stärker in die Pflicht nehmen, den fehlenden Teil der Wertschöpfungskette ergänzen.

Die Anstrengungen Chinas beim Umweltschutz gehen ohne Zweifel nicht nur das Land selbst an, sondern haben Auswirkungen auf die ganze Welt. Gibt es genug internationale Kooperation?

Wir sind der festen Überzeugung, dass wir internationale Kooperation brauchen, um das Wirtschaften im Kreislaufmodell zu fördern. Wir müssen von anderen Ländern lernen, die Welt aber auch an unseren erfolgreichen Fallstudien teilhaben lassen. Deshalb haben wir zahlreiche internationale Plattformen zur Zusammenarbeit mit wichtigen Industrienationen, den USA, Japan und Europa, geschaffen. Das Programm EcoPartnerships zwischen den USA und China im Rahmen des strategischen und wirtschaftlichen Dialogs der beiden Länder ist eine dieser Plattformen und hat bisher 42 Umweltpartnerschaften hervorgebracht. Die Forschungseinrichtung Yangtze River Delta Research Academy of Circular Economy, der ich als Direktor vorstehe, hat sich mit der Coca-Cola Company zusammengetan, um die Herstellung umweltfreundlicher Flaschen aus Abfällen der regionalen
Landwirtschaft statt aus erdölbasierten Materialien zu fördern. Wir haben mit Japan am Recycling kommunalen Abfalls gearbeitet und ein Projekt mit Deutschland zur Wiederverwertung von Batterien ins Leben gerufen. Wir organisieren außerdem jährliche Schulungen zur Kreislaufwirtschaft in Entwicklungsländern, um die Erkenntnisse aus erfolgreichen Fallstudien weiterzugeben.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, sind Sie dann zuversichtlich, dass der Übergang zum Wirtschaften im Kreislaufmodell erreicht wird?

Ich denke, dass wir uns unbedingt in diese Richtung bewegen müssen, damit die Menschheit nachhaltig existieren und sich weiterentwickeln kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass unter der Führung von Regierungen, mit der Beteiligung der Öffentlichkeit und bei Umsetzung durch Privatunternehmen der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft in China und weltweit möglich ist.

In China konzentriert sich ein Großteil der Industrie in Gewerbeparks. Ein Beispiel dafür ist die integrierte Produktion des BASF-YPC-Verbundstandorts in Nanjing. Dessen Effizienz verdeutlicht das Potenzial des Wirtschaftens im Kreislaufmodell für die chemische Industrie in China.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass unter der Führung von Regierungen, mit der Beteiligung der Öffentlichkeit und bei Umsetzung durch Privatunternehmen der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft in China und weltweit möglich ist.“

Weitere Informationen finden Sie unter:

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