Global
Medien

Wird Freihandel noch gebraucht?

Handel ist ein Wachstumsmotor, der Innovation fördert und den Lebensstandard verbessert. In den vergangenen 20 Jahren hat die Welthandelsorganisation (WTO) der Liberalisierung des Handels den Weg geebnet. Doch angesichts der langwierigen Verhandlungen bemühen sich größere Länder nun um regionale Abkommen. Ist dies der richtige Weg, um den Herausforderungen unserer komplexen globalisierten Welt zu begegnen? Creating Chemistry hat Dr. Karl Brauner von der WTO und Professor Daniel Hamilton von der Johns Hopkins University, Washington, D. C. / USA, dazu befragt.

Multilaterale oder regionale Vereinbarungen? Dr. Karl Brauner (rechts) und Professor Daniel Hamilton sprechen über den richtigen Weg, um den Herausforderungen im internationalen Handel unserer komplexen globalisierten Welt zu begegnen.
Daniel S. Hamilton ist Professor der Austrian Marshall Plan Foundation und Geschäftsführer des Zentrums für Transatlantische Beziehungen an der School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in Washington, D. C. / USA. Zuvor war er stellvertretender US-Staatssekretär.

Creating Chemistry: Warum ist globaler Handel wichtig?

Karl Brauner: Handel ist das Instrument, mit dem sich Unternehmen und Länder am Weltmarkt beteiligen. Es gibt Belege dafür, dass der Lebensstandard eines Landes umso höher ist, je stärker es sich auf globaler Ebene engagiert. Man sieht dies sehr deutlich, wenn man nordeuropäische oder nordamerikanische Länder mit Nordkorea vergleicht.

Daniel Hamilton: Handel hat wichtige Effekte – sowohl innerhalb eines Landes als auch in seiner Beziehung mit anderen Staaten. Er fördert den Wettbewerb, was in der Regel Innovation vorantreibt. Das bedeutet, dass die Unternehmen effizienter sein müssen, was normalerweise zu besseren Produkten führt. Langfristig bieten offenere Gesellschaften besser bezahlte Arbeitsplätze. Verbraucher profitieren, weil sie aus einem größeren Angebot an Waren und Dienstleistungen zu niedrigeren Preisen wählen können. All dies steigert tendenziell den Lebensstandard.

Was sind die wichtigsten Errungenschaften der WTO?

Brauner: Wir sind die Organisation, die die multilateralen Regeln für den globalen Handel festlegt und für deren Einhaltung sorgen kann. Wir haben mehr als 500 Streitschlichtungsverfahren bearbeitet, mehr als 90 Prozent der Gerichtsentscheidungen werden von den Staaten anerkannt, und das alles in weitaus kürzerer Bearbeitungszeit, als dies bei nationalen Gerichten der Fall wäre.

Hamilton: Ich stimme absolut zu, dass das globale Regelwerk, über das die WTO bestimmt, fast überall akzeptiert und respektiert wird. Ihr Streitschlichtungssystem ist nach wie vor der Goldstandard, und die Zölle sind heute im Handel zumeist recht niedrig. Doch die Organisation wird nun mit einer ganzen Reihe von Krisen konfrontiert, die ihre Rolle ernsthaft in Frage stellen. 

„Wenn man einen Vertrag aushandelt und die eigene Gesellschaft nicht mitgenommen hat, war alles umsonst.“
Professor Daniel Hamilton  

Worin bestehen diese Herausforderungen?

Hamilton: In den vergangenen Jahren hat sich die Art und Weise des Handels maßgeblich gewandelt. Man denke nur an die Digitalwirtschaft. Je nach Erhebung stellt der digitale Handel den Handel mit realen Waren mittlerweile in den Schatten. Welche sind die richtigen Regeln, um diese Art von Handel zu regulieren? Dann gibt es die Entwicklung der globalen Wertschöpfungsketten. In ihnen besteht der Handel aus einer Reihe von Produktionsschritten, die in einer Vielzahl von Ländern ausgeführt werden. Heute kann man nicht wirklich von „Made in Germany“ oder „Made in China“ sprechen. Man benötigt andere Regeln, um diese neuen Realitäten zu berücksichtigen. Dies betrifft neue Regulierungsrahmen sowie die Frage, welche Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern sich auf die Handelsflüsse auswirken.

Brauner: Es gibt heute viel mehr relevante Akteure in der Welt. Früher konnten sich eventuell vier Länder einigen, die dann in der Lage gewesen wären, die restlichen Mitglieder zum Handeln zu bewegen. Inzwischen ist das nicht mehr möglich. Man muss eine weitaus größere Gruppe berücksichtigen. Und die Beteiligung der Zivilgesellschaft ist aufgrund der Anti-Globalisierungsbewegung und handelskritischer Strömungen intensiver als in früheren Jahren. Demokratische Regierungen können sich nicht gegen eine lautstarke Zivilgesellschaft stellen.

Dr. Karl Brauner ist seit 2013 stellvertretender Generaldirektor der WTO. Zuvor war er Ministerialdirektor für Außenwirtschaftspolitik im deutschen Wirtschaftsministerium und vertrat Deutschland im handelspolitischen Ausschuss der EU. Er hat an allen Tagungen der WTO-Ministerkonferenz seit 2001 teilgenommen.

Warum lösen Handelsabkommen Kontroversen aus?

Brauner: Wie bei jeder wirtschaftlichen und technologischen Veränderung wirken sich die Vorteile des Handels auf verschiedene Wirtschaftssektoren und Beteiligte unterschiedlich aus. Bestimmte Branchen geraten unter völlig neuen Wettbewerbsdruck. Dieser kann sie effizienter machen oder sie vom Markt drängen. Ich denke, wir haben in der Vergangenheit den Fehler begangen, nicht darauf zu achten, dass es Verlierer gibt. Wir haben nur auf den Gesamtnutzen geschaut und nachgewiesen, dass die Volkswirtschaften profitieren, sofern sie liberal sind.

Hamilton: Früher fanden die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen statt. Doch wenn man einen Vertrag aushandelt und die eigene Gesellschaft nicht mitgenommen hat, war alles umsonst. Da diese Verhandlungen sich auf so viele verschiedene Teile der Wirtschaft auswirken, muss es für Bürger und verschiedene Wirtschaftsakteure Wege geben, ihre Meinung einzubringen. Das gilt auch für kritische Stimmen.

Wie verändern sich die Strategien bei den Handelsverhandlungen angesichts dieser Herausforderungen?

Hamilton: Die neue Handelsagenda entwickelt sich stärker aus bilateralen und plurilateralen Abkommen wie der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) zwischen den USA und Asien und dem Transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den USA und der EU, und zwar mit einer tiefen Integration, die über Zollsenkungen hinausgeht und Möglichkeiten für den Umgang mit nichttarifären Handelshemmnissen findet: neue Arten von Regeln, um Umweltschutz und Klimawandel, Beschäftigung, Nahrungsknappheit, Tierschutz, Verbraucherdruck und anderen Problematiken gerecht zu werden.

Brauner: Es stimmt, dass bilaterale Verhandlungen eine stärkere Fokussierung ermöglichen. Doch diese Herangehensweise ist erheblichen Einschränkungen unterworfen. Im Fall erweiterter globaler Wertschöpfungsketten beispielsweise hat unter Umständen jedes Abkommen sein eigenes Protokoll bei den Ursprungsregeln. Deren bürokratische Verwaltung wird irgendwann so aufwendig, dass die Unternehmen gar nicht erst versuchen, Abkommen zu nutzen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass diese großen regionalen Abkommen bisher noch nicht abgeschlossen wurden.

„Es stimmt, dass bilaterale Verhandlungen eine stärkere Fokussierung ermöglichen. Doch diese Herangehensweise ist erheblichen Einschränkungen unterworfen.“
Dr. Karl Brauner 

Können regionale Handelsabkommen ein Sprungbrett für den multilateralen Freihandel darstellen, oder behindern sie den Fortschritt?

Brauner: Ich denke, beides trifft zu. Wenn ein regionales oder bilaterales Abkommen getroffen wird, entsteht zwischen diesen Partnern ein freierer Handel. Einerseits können die beteiligten Länder jedoch während der Verhandlungen auf der multilateralen Ebene keine Angebote machen, weil sie diese exklusiv ihren Partnern unterbreiten wollen. Andererseits ermutigen diese Abkommen Länder, bestimmte Handelshürden zu beseitigen, was auch dazu beitragen könnte, diese Liberalisierung auf das multilaterale Umfeld zu übertragen. Wenn Streitpunkte in bilateralen Abkommen ausgeräumt worden sind, können die Länder auf multilateralem Niveau die gleichen Themen leichter verhandeln.

Hamilton: Die politische Dynamik hat sich tiefgreifend verändert. Der Brexit hat eine neue Debatte über die künftigen Handelsbeziehungen Großbritanniens entfacht. Donald Trump will das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA neu verhandeln, die Transpazifische Partnerschaft kippen, die Zölle für chinesische Importe erhöhen und bilaterale Handelsabkommen abschließen. Die USA und die EU müssen sich neu positionieren, um sich in der wandelnden Weltwirtschaft zu behaupten, doch die Aussichten für regionale und multilaterale Handelsabkommen sind heute eingetrübt.

Mehr Informationen unter:

Verwandte Inhalte

Michael M Thackeray

Warum Freihandel wichtig ist