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Das Original bewahren

Gefälschte Waren sind ein sehr einträgliches Geschäft, werden immer ausgeklügelter und lassen sich nur schwer vom echten Produkt unterscheiden. Die wirtschaftlichen Folgen, der Imageschaden und sogar mögliche Gesundheitsrisiken treiben Unternehmen an, sich innovative Strategien auszudenken, um Fälschern weiterhin einen Schritt voraus zu sein.

Nur auf den ersten Blick identisch: Aktion Plagarius e. V. vergibt jährlich eine Anti-Auszeichnung für die dreistesten Fälschungen. 2013 hat ein Unternehmen aus Dubai den Preis für seine Imitation des „McEgg“-Eierbechers erhalten. Das Original (links) wird von der deutschen Firma WMF hergestellt.

„It’s the real thing“ (auf Deutsch etwa: „Es ist das Original“) dürfte einer der berühmtesten Werbeslogans überhaupt sein. Doch wie können Verbraucher sicher sein, dass die von ihnen gekauften Pro­dukte echt sind, und wie können Unternehmen sicherstellen, dass die von ihnen verwendeten Einzelteile und Materialien dem entsprechen, was ihre Lieferanten vorgeben? Ob es um imitierte Designerartikel oder um den gefährlichen Handel mit nachgemachten Arzneimitteln oder Fahrzeugteilen geht: Fälschungen sind ein großes Geschäft.
Eine verlockende Kombination aus hohen Gewinnen und niedrigem Risiko zieht Kriminelle an. „Fast jedes Konsumgut und die meisten Industriekomponenten können gefälscht werden und wurden schon einmal gefälscht“, sagt Pottengal Mukundan, Direktor der Abteilung Wirtschaftskriminalität der Internatio­nalen Handelskammer.

Registrierung der Rechte ist von zentraler Bedeutung

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Rund 80 Prozent des globalen Handels findet auf dem Seeweg statt. Angesichts eines wachsenden Markts für gefälschte Güter werden immer neue Verfahren zum Schutz vor Fälschungen benötigt, um das Problem zu bekämpfen.

Nach Angaben der Polizeibehörde der Europäischen Union, Europol, ist das Internet die wichtigste treibende Kraft beim Vertrieb gefälschter Waren. Niedrige Preise und Direktbelieferung wirken auf Verbraucher attraktiv, und einige Internetseiten lassen sich nur schwer von denen der echten Rechteinhaber unterscheiden. „Es ist heute leichter, Seiten stillzulegen, über die gefälschte Produkte vertrieben werden. Aber andererseits ist es auch genauso leicht, für diese sofort wieder eine Ersatzseite aufzubauen“, erklärt Mukundan. Und da die Rechtsordnungen mehrerer Länder berührt sind, kann es schwierig sein, juristisch dagegen vorzugehen.

Um ihre Marken zu schützen, müssen die Firmen Markenzeichen und Designs offiziell eintragen lassen, wie Paul Maier, der Direktor des European Observatory on Infringements of Intellectual Property Rights (IPR) des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO), unterstreicht. „Für Unternehmen ist es entscheidend, über Rechte zu verfügen, deren Inhaberschaft sie mit Zertifikaten von Urheberrechtsbehörden nachweisen können. Die Registrierung ist in den meisten Ländern eine Voraussetzung für den Rechtsschutz von Markenzeichen und ein wesentliches Beweismittel bei Designs.“ Nach der Registrierung ihrer Rechte können Unternehmen auch die Ermittlungsdatenbank des EUIPO nutzen, ein sicheres Instrument zur direkten Kommunikation mit den Rechteinhabern, Zollbehörden und der Polizei im Kampf gegen Fälschungen.

Unternehmen sollten außerdem regelmäßig im Internet nach gefälschten Seiten oder Produkten suchen und sicherstellen, dass sie bei den
rechtlichen Rahmenbedingungen in allen Regionen, in denen sie aktiv sind, auf dem neuesten Stand sind. Es hilft, regelmäßig Test­käufe
durchzuführen, und selbstverständlich auch, die Vertriebsnetze und Distributionskanäle zu kontrollieren. „Bei der Kontrolle des Markts auf
Verstöße gegen das Recht des geistigen Eigentums haben sich Rückmeldungen von Kunden und Informationen von Geschäftspartnern als die
verlässlichsten und maßgeblichsten Hinweisquellen erwiesen, insbesondere bei kleineren Betrieben“, so Maier. Die Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor bei der Strafverfolgung und der Wissensaustausch mit Ordnungshütern sind ebenfalls wichtig.

Arzneien, Pflanzenschutzmittel, Kosmetika, technische Produkte wie Autoteile und Haushaltsgeräte – dies alles kann gefälscht werden. Es gibt auch Imitationen von Lebensmitteln und Getränken. Da sogar die für die Produktion verwendeten Materialien anfällig für Fälschungen sind, ist der Kampf gegen Kopien für Hersteller aus den unterschiedlichsten Branchen ein Thema.

Intelligente Technologien zur Fälschungssicherung

In der Textilindustrie beispielsweise haben laut James Hayward, PhD, Geschäftsführer der US ­Firma Applied DNA Sciences (ADNAS), Marktumfragen gezeigt, dass einige Einzelhandelsmarken bei dem Anteil und der Herkunft der enthaltenen Baumwolle falsche Angaben ma­chen. Die Kunden erhielten nicht die Qualität, für die sie bezahlt hatten. Daher hat sein Unternehmen eine intelligente Lösung für dieses Pro­blem entwickelt. Dabei werden zur Authentifizierung der Stoffzusammen­setzung Markierungen auf Grund­lage genetischen Materials von Pflanzen – Desoxyribonukleinsäure (DNS) – verwendet. „Wir stellen es uns wie eine Art Diagnose mit an schließender Therapie vor“, erklärt Hayward. „Unser ,Fasertypisierungs‘­ Verfahren sagt uns, welche Sorte Baumwolle in Ihrem Produkt enthal­ten ist. Der therapeutische Teil be­steht darin, die Faser während der Produktion mit der DNS zu markie­ren.“ Die Rohbaumwolle wird im Entkörnungsstadium gekennzeich­net, so dass ihr Weg vom Spinn- ­und Webprozess bis zum Verkäufer oder Verbraucher nachverfolgt wer­den kann.

Das Verfahren hält extremen Temperaturen, Abrieb und sogar ultravioletter Strahlung stand. Unternehmen, die Probleme mit der Kontrolle ihrer Lieferketten in Übersee hatten – die Endprodukte entsprachen den Anforderungen nur zu 20 Prozent oder weniger – haben es dank der Technologie geschafft, dass die Vorgaben nun zu 100 Prozent eingehalten werden. Dies ergaben mehr als 1.000 DNS­-Tests. Darüber hinaus macht die erforderliche DNS­-Menge nur einen einzigen von einer Billion Baumwollfaserteilen aus. „Sie ist so gering, dass das keinerlei Auswirkungen auf irgendeine Kunst-­ oder Naturfaser hat“, sagt Hayward.

„Es besteht eine wachsende Nachfrage nach Lasermarkierung. Die Möglichkeiten, die sie im Kampf gegen Fälschungen bietet, sind fast unbegrenzt.“

Dr. Steffen Ehrenmann, Produktmanager bei TRUMPF

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Mit den Lasern von TRUMPF kann eine große Bandbreite an Produkten, etwa medizinische Geräte, gekennzeichnet werden, so dass sich ihre Echtheit nachweisen lässt.

Die Laserkennzeichnung ist ein weiteres Verfahren, mit dem Unter­nehmen beweisen können, dass ihre Produkte und Einzelteile echt sind. TRUMPF, ein international aufgestelltes Hightech-­Unternehmen mit Sitz im baden­-württembergi­schen Ditzingen, stellt Laser her, die jeden Werkstoff – einschließlich Metall, Kunststoff und organische Materialien wie Leder – schnell und dauerhaft markieren können. Ein Mobiltelefon oder Handscanner mit Verbindung zu einer Datenbank liest die verschlüsselten Informationen. Die Markierung selbst kann sich in dem Produkt verbergen oder ist aufgrund ihrer geringen Größe fast unsichtbar. Laser können sogar eine Kennzeichnung unter der Ober­fläche anbringen oder die Material­zusammensetzung der obersten Schicht lokal verändern.

„Es besteht eine wachsende Nachfrage nach dieser Technologie“, so Dr. Steffen Ehrenmann, Produkt­manager bei TRUMPF. „Unsere Kunden kommen unter anderem aus dem Automobilbau, der Luftfahrt­, Medizinprodukte­ und Nahrungs­mittelindustrie. Die Möglichkeiten, die das Verfahren im Kampf gegen Fälschungen bietet, sind fast unbe­grenzt.“ In China machen Fälschungen für Pflanzenschutzmittel im Markt schätzungsweise 10 bis 15 Prozent aus. „Ein beträchtlicher Anteil“, meint Mark Shillingford, Leiter Mar­keting bei BASF Crop Protection in China. Schwerer abzuschätzen ist der Schaden für den Pflanzenbau, die Erträge der Bauern, ihr Land und möglicherweise für die Gesundheit des Menschen und den Ruf des betroffenen Produkts.

Fälschungssichere Etiketten und unsichtbare Markierungen

Um dieser Herausforderung zu begegnen, hat BASF ein Kennzeich­nungsverfahren für Etiketten auf Grundlage von Farbbeimengungen entwickelt, das Ende 2014 auf den Markt kam. Originalprodukte tragen ein Wasserzeichen, das in Innen­räumen unsichtbar ist. Unter Son­nenlicht werden aber chinesische Schriftzeichen erkennbar. Doch bereits in den ersten sechs Monaten nach ihrer Einführung wurde die Technologie kopiert. „Wir hatten die­se Obsoleszenz bereits eingeplant“, erläutert Shillingford. „Dieses Jahr haben wir ein neues Fälschungs­schutzverfahren mit verschiedenen Codes eingeführt, und wir hoffen, dass wir dadurch den Fälschern weiterhin einen Schritt voraus sein werden. Das neue Verfahren um­fasst sowohl das Innere als auch das Äußere der Verpackungen, und man benötigt eine spezielle Aus­rüstung, um es lesen zu können.“

„Stellen Sie sich vor, eine Brücke stürzt ein und Sie wollen nachvollziehen, wessen Zement es war. Das können Sie nun tun. Zudem können Sie herausfinden, ob die Firma eine ausreichende Menge hochwertigen Zements im Beton verarbeitet hat.“

Lorenzo Ambrosini,
Segmentleiter bei BASF Construction Chemicals am Standort Zürich

Selbst die Zementproduktion hat Fälscher angelockt. „Ein Hersteller kann einen Zementsack öffnen, 10 Prozent entnehmen und diese durch Sand ersetzen, oder er kann beispielsweise bei der Betonmi­schung die falsche Zementmenge ver­wenden“, erklärt Lorenzo Ambrosini, Segmentleiter bei BASF Construction Chemicals am Standort Zürich.

Die Zementproduktion ist hoch­komplex, und es kann schwierig sein, den Weg eines Produkts nachzuverfolgen, wenn es einmal die Fabrik verlassen hat. BASF hat einen Stoff zur Markierung entwickelt, bei dem eine Dispersion aus Acryl­copolymerpartikeln verwendet wird. Diese werden mit fluoreszierendem Material eingefärbt und haften an den Zementpartikeln. „Durch die Möglichkeit, Farben zu kombinieren, können wir einen Code für den Ze­ment erstellen – wie einen Barcode. Doch dieser ist versteckt, man braucht die richtige Ausrüstung, um ihn zu erkennen“, erklärt Ambrosini. So kann der Zement auch nach Jahren in gehärtetem Beton noch geprüft werden. „Stellen Sie sich vor, eine Brücke stürzt ein und Sie wollen nachvollziehen, wessen Zement es war. Das können Sie nun tun. Zudem können Sie herausfin­den, ob die Firma eine ausreichende Menge hochwertigen Zements im Beton verarbeitet hat“, stellt er fest.

Das Grand Egyptian Museum ist das größte Archäologiemuseum der Welt. BASF hat eine spezielle Betonmischung geliefert, die das spektakuläre Aussehen des Gebäudes ermöglicht. Eine Optik, die mit einem minderwertigen Produkt nicht hätte erreicht werden können.

Die Methode für die Messung der Partikel ist laut Ambrosini noch nicht automatisiert. „Noch muss die Arbeit von Hand gemacht werden, aber eines Tages werden Sie ein einfaches Gerät mit zu Ihrer Bau­stelle nehmen, es auf Ihre Beton­wand richten und diese untersuchen können.“ Er glaubt, dass ähnliche Kennzeichnungsverfahren auch für andere anspruchsvolle Produkte im Premiumsegment, etwa Farben und Lacke oder Kosmetika, benutzt werden könnten.

In der Welt der Fälscher ist eines sicher – ein schneller technischer Wandel und bahnbrechende neue Verfahren wie der 3­D-Druck führen dazu, im Kampf gegen diese Bedro­hung immer einfallsreichere Antwor­ten finden zu müssen. Unternehmen werden feststellen, dass es sich mehr als auszahlt, so viel wie mög­lich in den eigenen Schutz zu inves­tieren und vertrauenswürdige Partner auszuwählen. Vorläufig sollte jeder eine ganz einfache Regel im Hinter­kopf behalten, meint Mukundan: „Misstrauen Sie Produkten, die billi­ger scheinen, als sie sein sollten. Normalerweise gibt es einen Grund dafür.“

Ein Barcode für Zement

Für einige Projekte eignet sich nur hochwertiger Zement. Daher hat BASF einen unsichtbaren chemischen Markierungsstoff entwickelt. Dieser begleitet den Zement wie ein Barcode entlang der Vertriebskette und trägt so dazu bei, Kunden vor Produktfälschungen zu schützen.

Entdecken Sie in unserer Infografik den Weg zum Etikettieren von Zement:

Die Produkte mit den meisten Fällen von Fälschungen weltweit 1

Nach Anzahl der Zollbeschlagnahmen. Produktmenge variiert je nach Beschlagnahme.
Quelle: Organisation for Economic Co­operation and Development (OECD) und European Union Intellectual Property Office (EUIPO)

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