Global
Magazin

Saubere Energie fördert Fortschritt

Wie können die Ärmsten der Welt mit der Energie versorgt werden, die sie für Gesundheit, Bildung und wirtschaftliches Auskommen brauchen? Rachel Kyte plädiert für einen integrierten Ansatz, bei dem die Bedürfnisse der Endverbraucher an erster Stelle stehen.

Noch immer haben jüngsten Daten der Weltbank zufolge 840 Millionen Menschen auf der ganzen Welt keinen Zugang zu Elektrizität und 2,9 Milliarden – mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung – müssen Holz, Kohle oder landwirtschaftliche Abfälle zum Kochen und Heizen verbrennen. Eine unzureichende Versorgung mit zuverlässig zur Verfügung stehender sauberer Energie hat tief greifende Folgen für Gesundheit, Wohlstand und wirtschaftlichen Fortschritt. Lässt sich ein Weg finden, die Energielücke zu schließen?

Creating Chemistry: Warum ist Energie für Entwicklungsländer ein so wichtiges Thema?

RACHEL KYTE: Während seiner Zeit als Generalsekretär der Vereinten Nationen hat Ban Ki-moon Energie als „goldenen Faden“ bezeichnet, der sich durch jedes andere Entwicklungsziel zieht. Ohne Energie ist Weiterentwicklung in jedem Fall schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Man braucht Elektrizität für die Gesundheitsversorgung, zum Heizen, Kühlen und Beleuchten von Schulen, für die Industrie, um Produkte herzustellen und um benötigte Arbeitsplätze zu schaffen. Doch die zentralen Stromnetze funktionieren in vielen Entwicklungsländern nur schlecht und erreichen dort große Teile der Bevölkerung nicht.

 

Wie geht man auf staatlicher Ebene mit diesen seit Langem bestehenden Problemen um?

Anstatt bei der Planung der Energieinfrastruktur den traditionellen Top-down-Ansatz zu verfolgen, ist es einigen Ländern mit großen Lücken bei der Energieversorgung gelungen, die Frage umzudrehen: Wer ist nicht an die Stromversorgung angeschlossen und welche Art von Versorgung benötigen diese Menschen, um sich produktiv in die Wirtschaft einzubringen? Anstatt für Millionen von Dollar zusätzliche Gigawatt in ein Netz einzuspeisen, das viel Energie verliert und diese Endverbraucher wahrscheinlich ohnehin nicht erreicht, denkt man über Mischlösungen aus zentralen und dezentralen Ansätzen nach. Dezentrale Systeme nutzen lokale Stromerzeugung – oft aus erneuerbaren Quellen. Dies reicht von Mini- und Mikronetzen für Gemeinden und öffentliche Einrichtungen bis hin zu mobilen Solaranlagen für den Heimgebrauch – sogenannte Solar-Home-Systeme. Manchmal sind diese Systeme die einzige Energiequelle für Menschen, die nicht an das reguläre Stromnetz angeschlossen sind. Sie können jedoch auch parallel zu diesem eingesetzt werden, um für größere Stabilität zu sorgen, vor allem in einkommensschwachen und gefährdeten Gemeinden. Länder, die diesen Ansatz gewählt haben, konnten schnell Fortschritte erzielen.

Rachel Kyte

Dekanin der Fletcher School of Law and Diplomacy an der Tufts University in Medford/USA.

Kyte setzt sich seit vielen Jahrzehnten für eine zuverlässige Versorgung von Entwicklungsregionen mit sauberer und erschwinglicher Energie ein.

Sie war Sonderbeauftragte des General­sekretärs der Vereinten Nationen und Chief Executive Officer der Organisation Sustainable Energy for All, die das Ziel eines universellen Zugangs zu nachhaltiger Energie bis 2030 unterstützt.

Davor war sie bei der Weltbank Vizepräsidentin und Sonder­beauftragte für Klimawandel.

Coverstory_Interview_01.png
Kharzanir/Bangladesch | Ein Fünftel der Landbevölkerung ist nicht an das Stromnetz angeschlossen. Daher wurden in 5,8 Millionen Haushalten kleine Solaranlagen installiert. Sonnen­energie wird auch zum Antrieb von Straßenlaternen, Kochern und Bewässerungspumpen genutzt.

Welche Staaten haben die größten Fortschritte erzielt?

Äthiopien ist ein interessantes Beispiel. Die letzten Jahre standen ganz im Zeichen des Baus von Megastaudämmen am Nil. Doch die Äthiopier haben erkannt, dass eine große Zahl ihrer Bürger, insbesondere in ländlichen Gebieten, gar keinen Zugang zu der benötigten Energie hat. Deshalb verfolgt man dort jetzt ehrgeizige Pläne, um diese Teile des Landes dezentral mit Energie aus erneuerbaren Quellen zu versorgen.

 

Ein weiteres gutes Beispiel ist Kenia. Im Jahr 2002 waren nicht einmal 20 Prozent der Bevölkerung an die Stromversorgung angeschlossen. 2018 waren es – je nach Datenquelle – 70 Prozent. Das ist in jeder Hinsicht ein großer Fortschritt. Gelungen ist dies, weil man sich in großem Maßstab der Erdwärme ebenso wie der Wind- und Solarenergie verschrieben hat. Das Land hat auch von seinen gut etablierten mobilen Geld- und elektronischen Zahlungssystemen profitiert. Kenia ist weltweit zum Schmelztiegel des Lernens hinsichtlich dezentraler Solar-Home-Systeme und Mikrokrediten geworden. Hier wird über das Smartphone pro Energieeinheit bezahlt.

Coverstory_Interview_04.png
Windpark Lake Turkana/Kenia | Der größte Windpark Afrikas mit 365 Windkraftanlagen versorgt das nationale Stromnetz Kenias mit Energie. Er deckt etwa 17 Prozent der gesamten installierten Leistung des Landes ab.

In welchen anderen Weltregionen werden innovative Ansätze eingeführt

Beispiele für neue Ansätze gibt es überall auf der Welt. Chile und Argentinien haben jeweils sehr umfangreiche Programme umgesetzt und Ökostromanbietern bei Ausschreibungen von Energielieferverträgen den Zuschlag gegeben. Dadurch konnten sie die zuverlässige Versorgung mit erschwinglicher und sauberer Energie ausbauen. Bangladesch setzt auf ein anderes Modell: Hier versorgen Agenturen für die Stromversorgung ländlicher Gebiete die Haushalte kostengünstig mit kleinen Solarenergieanlangen.

 

Werden sich die Energiesysteme in den Entwicklungsländern anders entwickeln als im Rest der Welt?

Ja. Meiner Meinung nach werden mehrere Trends die Entwicklung dieser Energiesysteme prägen. Da ist erstens die Dezentralisierung, die bei der Elektrifizierung von abgelegenen Ortschaften, großen ländlichen Gebieten und sogar von Elendsvierteln am Rande von städtischen Ballungsräumen helfen wird. Diese Systeme können unabhängig vom Stromnetz arbeiten oder dieses ergänzen und so zu einer größeren Stabilität des Energiesystems beitragen.

 

Dann ist die Digitalisierung zu nennen. Sie ermöglicht es, Energie effizienter bereitzustellen und einen Ansatz zu verfolgen, der sich auf das Internet der Dinge stützt. Dabei werden Geräte eingesetzt, die sich automatisch an Veränderungen beim Preis und bei der Stromverfügbarkeit anpassen. Wir verzeichnen bereits ein großes Interesse in Entwicklungsländern an dieser Art von Technologien.

Coverstory_Interview_03.png
Wasserkraftwerk Muara/Bali | Das erste Mini-Wasserkraftwerk, das auf der indonesischen Insel Bali in Betrieb ist. Zwei 1,15-Megawatt-Turbinengeneratoren nutzen den Fluss zur Stromerzeugung.

Wie sieht es mit Umweltbelastung aus?

Das ist der dritte große Trend. Diese Staaten wollen eine Energieversorgung ermöglichen, jedoch ohne die Probleme mit Luftqualität und Umweltverschmutzung, mit denen die Industrieländer zu kämpfen haben. Die gute Nachricht ist, dass die Preise für Solar- und Windenergie in den letzten Jahren gesunken sind und jetzt auch die Speicherung günstiger wird. Die Länder fragen sich, ob sie von ihren mit fossilen Brennstoffen betriebenen, zentralen Energiesystemen rasch auf an das Stromnetz angeschlossene, moderne erneuerbare Energien umsteigen können.

 

Durch die Speicherung und den enormen Reichtum an erneuerbaren Energien in vielen dieser Staaten könnten sie zu Energieexporteuren werden. Marokko nutzt bereits konzentrierte Solarenergie in Sonnenwärmekraftwerken. Das ermöglicht nicht nur eine inländische Stromversorgung auf hohem Niveau, sondern auch eine Positionierung als strategischer Exporteur für Energie.

Ich wünsche mir, dass Staaten integrierte Energie­pläne erstellen, bei denen die Bedürfnisse der Endverbraucher wirklich im Mittelpunkt stehen.“
Profilbild_Rachel-Kyte.png
Rachel Kyte
Dekanin der Fletcher School of Law and Diplomacy an der Tufts University in Medford/USA

Werden Industrie- und Enwicklungs­länder bei der Dekarbonisierung ihrer Energiesysteme unterschiedliche Technologien einsetzen?

Es wird einige wichtige Unterschiede geben, denke ich. Die indische Unterstützung der International Solar Alliance etwa beruht auf der Vision, Solarenergie in den Tropen zu gewinnen, wo die Sonneneinstrahlung am intensivsten ist. Sie prüfen eine Reihe von Möglichkeiten, diese Energie nutzbar zu machen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Suche nach wirksamen Wegen, Solarstrom zum Kochen einzusetzen, sowohl in großem Maßstab über das Stromnetz als auch auf Ebene der Privathaushalte.

 

Müssen die Länder den Fokus neben Elektrizität auch auf die Verfügbarkeit anderer Energiearten legen?

In der Tat. Die Verfügbarkeit von saubereren Brennstoffen zum Kochen ist ein wichtiger Bereich. Und während sich der nachhaltige Verkehr in den Industrieländern tendenziell auf die Elektrifizierung von Pkws konzentriert, liegt dieser Schwerpunkt in Schwellenländern auf Lastwagen und Bussen, die für die ­Personen- und Güter­beförderung in den Städten weitaus wichtiger sind.

 

Außerdem besteht ein dringender Bedarf an bezahlbaren, hocheffizienten Kühltechnologien, die ohne Fluorkohlen­wasserstoffe auskommen. In Zeiten des Bevölkerungswachstums, der voranschreitenden Urbanisierung und der Erderwärmung wird Kühlung in Südostasien, Westafrika und anderswo über Leben und Tod entscheiden.

Coverstory_Interview_02.png
Geothermiekraftwerk Maibarara/Philippinen | Geothermische Felder liefern etwa 12 Prozent der Energie des Landes. Angesichts großer unerschlossener vulkanischer Wärmequellen soll dieser Anteil verdoppelt werden.

Welche Prioritäten im Energiebereich haben aus Ihrer Sicht die größte Dringlichkeit für Regierungen, Entwicklungshilfeorganisationen und andere Interessensgruppen?

Die Covid-19-Krise hat gezeigt, dass eine schlechte Energieversorgung eine mangelnde Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften und Volkswirtschaften nach sich zieht. Staaten können ihre Bevölkerung nicht schützen, wenn ihre Kliniken keinen Strom haben oder wenn sie Impfstoffe nicht kühl lagern können. Ich glaube, selbst die ärmsten Staaten erkennen die Notwendigkeit, in ihre Energiesysteme zu investieren. Erste Schritte müssen nicht exorbitant teuer sein. Es wäre ein guter Anfang, der zuverlässigen Bereitstellung erschwinglicher Energie für Gesundheitseinrichtungen Vorrang einzuräumen.

 

Welche Maßnahmen sollten diese Stellen langfristig ergreifen, um die zuverlässige Versorgung mit sauberer Energie zu fördern?

Die Länder sollten sich um ihre rechtlichen Rahmenbedingungen kümmern, damit Anbieter dezentraler Energietechnologien neben dem zentralen Stromnetz operieren können. Ich würde mir wünschen, dass Staaten integrierte Energiepläne erstellen, bei denen die Bedürfnisse der Endverbraucher wirklich im Mittelpunkt stehen. Solche Pläne würden den Ländern helfen, große Investitionen zu lenken, beispielsweise in die umfangreiche Nutzung erneuerbarer Energien oder in Verbesserungen der nationalen und internationalen Netzanbindungen. Sie würden auch die Zuweisung von Ressourcen auf lokaler Ebene, bei dezentralen Energieprogrammen, Energieeffizienzmaßnahmen und klimabeständiger und technisch einfacher Architektur unterstützen. Die Bedeutung dieser Bemühungen in kleinerem Maßstab sollte nicht unterschätzt werden. Sie tragen eine Menge dazu bei, die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, und schaffen viele Arbeitsplätze. Und genau das braucht die Welt, die gerade nach einem Weg sucht, um sich von der gegenwärtigen Krise zu erholen.

Verwandte Artikel

teaser-welt-unter-strom.png

Welt unter Strom

Die Energie der Zukunft stellt uns vor viele Herausforderungen. Wir zeigen mögliche Lösungswege.
BASF-Die Welt als Energieerzeuger-teaser.png

Die Welt als Energieerzeuger

Unsere Infografik zeigt überraschende Fakten rund um Strom und Energie.
BASF-Aus verschiedenen Blickwinkeln-teaser.png

Aus verschiedenen Blickwinkeln

Abfall reduzieren und die Ressourcen länger im Kreislauf halten – fünf Ansichten, wie das geht.