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Abfall ist eine wertvolle Ressource

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Professorin Linda Godfrey

leitet die Waste RDI Roadmap Implementation Unit, eine strategische Initiative der südafrikanischen Regierung. Ihre Forschungstätigkeit konzentriert sich auf die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Möglichkeiten innovativer Abfallstrategien in Entwicklungsländern.

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Creating Chemistry: Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Rolle des Abfallsektors beim Übergang Südafrikas zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem. Wie kann das Land durch Recycling die Wertschöpfung steigern?

PROFESSORIN LINDA GODFREY: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, um Abfall als wertvolle Ressource zu betrachten, insbesondere für die Zeit nach der Bergbau-Ära. Im Jahr 2014 haben wir Ressourcen im Wert von 17 Milliarden Rand (etwa 900 Millionen €) auf Deponien entsorgt: Polymere, Nährstoffe und Metalle, die alle der Wirtschaft verloren gegangen sind. Voraussetzung für den Erfolg von Recycling sind Skaleneffekte, doch wir müssen vermeiden, dass Müll im Ausland entsorgt werden kann. Ein Bereich mit unglaublichem Innovationspotenzial ist, das lokale Recycling von Elektronikschrott auszuweiten.

 

Welches sind die wesentlichen Herausforderungen für ein effektives Abfallmanagement für Länder in Afrika?

Zuerst müssen wir den Abfall in den Griff bekommen. Mehr als 90 Prozent der Feststoffabfälle werden auf Deponien entsorgt; häufig wird der Müll im Freien verbrannt.
Wir müssen Sammeldienste ausbauen und auf technisch ausgereifte Restmüll-Entsorgungsanlagen umstellen. Zweitens verschmutzen Verpackungsabfälle, insbesondere Kunststoffe, mit wachsendem Verbrauch in ganz Afrika immer mehr die Umwelt. Drittens müssen wir uns mit der Entsorgung von Müll befassen, insbesondere von gefährlichen Elektro- und Chemieabfällen in Afrika durch Industrieländer.

 

Wie lassen sich diese Probleme angehen?

Wir brauchen Führungswillen und die Bereitschaft, das Abfallproblem in allen afrikanischen Ländern auf höchstmöglicher Ebene zu lösen, ebenso wie Partnerschaften zwischen Regierung, Wirtschaft und Gesellschaft. Wir müssen das Bewusstsein der Bürger als Verbraucher und Abfallverursacher schärfen und mit der Wirtschaft sowohl bei der Produktion als auch bei der Entwicklung von Lösungen für Altprodukte zusammenarbeiten.

 

Welche Initiativen werden auf kommunaler Ebene entwickelt?

Es entstehen viele gesellschaftliche Neuerungen. Trash Out ist ein Citizen-Science Projekt, also ein wissenschaftliches Bürgerprojekt, das südafrikanische Behörden auf Müllverkippung vor Ort hinweist. Wo es bei den lokalen Dienstleistungen nicht funktioniert, bringen Anwendungen wie Wecyclers oder WasteBazaar in Nigeria Abfallverursacher und private Dienstleister zusammen. Einige Abfallströme lassen sich mit Erfolg dezentralisieren, etwa indem Biomüll gesammelt und daraus Kompost oder Biogas gewonnen wird. Eine der größten Herausforderungen in puncto Innovation ist die Frage, wie man dezentral mit Kunststoffen umgeht und wie man die Gemeinden einbeziehen kann. Viele afrikanische Länder wollen Einwegkunststoffe verbieten, da sie nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Wir müssen Lösungen finden, wie in Afrika weniger Kunststoff verwendet wird, und gleichzeitig die Möglichkeiten verbessern, was man mit den Altprodukten macht. Dazu könnte auch die Suche nach dezentralen Wegen für den Umgang mit recyceltem Kunststoff in großem Maßstab gehören, zum Beispiel durch die Ansiedlung von 3D-Druckanlagen vor Ort.

 

Warum glauben Sie, dass Abfall ein Werkzeug für Fortschritt sein kann?

In ganz Afrika gibt es bereits einen großen informellen Wiederverwendungs- und Reparatursektor, sodass wir seit Jahrzehnten eine Kreislaufwirtschaft betreiben, ohne sie so zu nennen. Durch Investitionen in die Abfallwirtschaft werden Ressourcen aus Deponien in die lokale Wirtschaft verlagert. Man verbessert auf diese Weise die Gesundheit der Bevölkerung, behält die Kontrolle über die nationalen Ressourcen und unterstützt eine nachhaltige Wirtschaft. Je höher wir Müll in der Abfallhierarchie weg von der Deponierung hin zur Vermeidung verschieben, desto mehr Arbeitsplätze werden im Bereich Wiederverwendung, Recycling und Rückgewinnung geschaffen.

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