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Die Wahrheit wartet da draußen auf uns

Creating Chemistry: Ein Großteil unseres Wissens leitet sich aus den Aussagen anderer ab. Welche Rolle spielt Vertrauen dabei? 

PROFESSORIN MONA SIMION: Wenn wir uns Wissen aneignen, verlassen wir uns in hohem Maße auf die Aussagen anderer, weil uns sowohl in physischer als auch in psychologischer Hinsicht Grenzen gesetzt sind. Ich kann die Höhe des Kilimandscharo in Tansania nicht selbst nachprüfen, also glaube ich meiner Erdkundelehrerin. Dazu gehört Vertrauen – allerdings eher in passiver als in aktiver Form. Ich brauche keine positiven Gründe, um meiner Lehrerin zu glauben. Ich muss ihre Referenzen nicht überprüfen, bevor ich ihr glaube. Ich darf nur keinen Grund haben, ihr nicht zu vertrauen.

Was geschieht, wenn unser Vertrauen in Experten erschüttert wird?

Expertenmeinungen haben großes Gewicht. Ist unser Umfeld stark von Misstrauen geprägt, fangen wir an zu vermuten, dass Experten uns hinters Licht führen wollen. Das ist ungesund, denn es bedeutet, dass wir uns ihr Fachwissen nicht zunutze machen können. Es ist oft unvernünftig, sich mehr auf unsere eigene Meinung als auf Expertenaussagen zu verlassen: Fachleute sind zuverlässiger als wir, da wir als Gesellschaft Ressourcen in ihre Ausbildung investiert haben. Weil wir erkenntnisbezogene Arbeit auf diese Weise aufteilen, sind wir sehr gut im Sammeln von Informationen.

Illustration einer Person in mitten von einem Bücherstabels

Wie lässt sich ein Gleichgewicht zwischen Vertrauen und eigenständigem Denken finden?

Wenn viel auf dem Spiel steht, ist es vernünftig, selbst mehr nachzuforschen. Wenn es beispielsweise um Entscheidungen geht, die sich auf die Gesundheit des eigenen Kindes auswirken, ist es rational, nach zusätzlichen Belegen zu suchen. Dann wägt man die Anhaltspunkte von Experten und weitere Hinweise, die man selbst sammelt, gegeneinander ab. Andererseits ist es nicht sinnvoll, so zu verfahren, wenn wenig auf dem Spiel steht – man würde ja nicht stundenlang Hinweise dafür sammeln, dass es heute regnen wird, anstatt sich einfach auf den Wetterbericht zu verlassen

Wie sollte man auf Meinungsverschiedenheiten reagieren?

Wenn sich Experten uneins sind, gibt es Fälle, in denen ich keiner der beiden Parteien rational Glauben schenken kann und mich keinem anschließe. Das ist jedoch nicht grundsätzlich der Fall, wenn sich Fachleute uneins sind. Diese Herangehensweise ist nur vernünftig, wenn die Argumente beider Seiten das gleiche Gewicht haben. Ernsthafte Meinungsverschiedenheiten unter Experten dieser Art kommen sehr selten vor. Wenn das passiert, ist es sehr beängstigend – plötzlich wissen wir nicht mehr, was wir glauben sollen. Das ist vor allem schwierig, wenn gehandelt werden muss, weil es dann mit einem Risiko verbunden ist. Doch bei vielen Themen, wie dem Klimawandel oder dem Nutzen von Impfstoffen, gibt es unter Fachleuten Mehrheitsmeinungen. In solchen Fällen ist es irrational, niemandem Glauben zu schenken.

Was passiert, wenn sich etwas, das wir zu wissen glauben, als unwahr herausstellt?

Die Wahrheit ist da draußen und wartet nur darauf, entdeckt zu werden. Wir alle machen hin und wieder Fehler – aber das ist in Ordnung. Wichtig ist, dass wir uns in unserem Handeln auf die Informationen stützen, die uns zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehen. Die Tatsache, dass wir als Menschheit überlebt haben, ist ein Beleg dafür, dass wir überwiegend richtig handeln. In den meisten Fällen sind wir sehr zuverlässige Wissenserzeuger und -empfänger.

Porträt von Mona Simion

Die Philosophin

Mona Simion

ist Professorin für Philosophie und stel­l­vertretende Direktorin des COGITO Epistemology Research Centre an der Glasgow University in Schottland. Sie ist Expertin für gesellschaftliche Erkenntnistheorie.

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