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Wissenschaft sorgt nicht automatisch für Gewissheit

Creating Chemistry: Hat die Öffentlichkeit ein gutes Verständnis dafür, wie Wissenschaft funktioniert? 

VOLKER STOLLORZ: Die Öffentlichkeit ist nicht monolithisch: Es gibt vier Untergruppen. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung sind Wissenschaftsfreunde, die Wissenschaft für großartig halten. Dann gibt es die kritisch Interessierten, die rund 15 Prozent ausmachen. Sie stehen der Wissenschaft positiv gegenüber, interessieren sich für sie, sind manchmal aber auch skeptisch. Weitere 40 Prozent sind passive Befürworter, die nur mäßig interessiert sind. Sie beziehen ihr Wissen aus den klassischen Medien. Die restlichen 15 Prozent, die Unbeteiligten, sind nicht interessiert und misstrauen Wissenschaft und Wissenschaftlern häufig.

Wie sollten Wissenschaftsvermittler diese verschiedenen Gruppen ansprechen?

Sie müssen sich überlegen, an welches Publikum sie sich richten, welche Informationen es benötigt oder welche Bedenken es hat. Am besten lässt sich Wissenschaft vermitteln, indem man zuhört und dadurch herausfindet, was die Menschen wirklich wissen wollen und sie interessiert.

Illustration einer Frau, die fragend in einer Lupe auf dem Tisch sieht, während Zettel im Raum umher fliegen

Inwiefern hat die Pandemie die Wissenschaftskommunikation beeinflusst?

Anfang 2020 war die Pandemie für fast alle neu, weshalb bei den wissenschaftlichen Erkenntnissen explizite Unsicherheit herrschte. Normalerweise weiß die Wissenschaft, was vor sich geht. Die Forschenden sagen: „Wir sind zu Ergebnis A gelangt und das hat uns zu B geführt, Fall abgeschlossen.“ Aber diesmal war es nicht so, und das war für die Öffentlichkeit schwer zu verdauen. Sie musste feststellen, dass es in der Wissenschaft nicht immer um Gewissheit geht, sondern darum, in unsicheren Zeiten neue Erkenntnisse zu gewinnen. Es gab also eine berechtigte Debatte über die Gefahren von Covid – selbst Wissenschaftler kannten die Antwort nicht. 

Wie findet man das richtige Gleichgewicht zwischen der Darstellung der Grenzen des aktuellen Wissens und spekulativen Ideen?

Wissenschaftsjournalisten haben eine andere Rolle als etwa Politikjournalisten. Die Aufgabe politischer Journalisten besteht darin, Debatten abzubilden: Partei A sagt jenes, Partei B hält das für Unsinn – und umgekehrt. Aber in der Wissenschaft und im Wissenschaftsjournalismus geht es darum, mit tragfähigen Belegen zu argumentieren. In Zeiten großer Unsicherheit ist es am besten, diese auch einzuräumen. Journalisten sollten nicht behaupten, sie wüssten, wovon sie reden, wenn es nicht so ist. Dennoch sollte die Berichterstattung zeigen, in welche Richtung sich die Überlegungen der Fachleute entwickeln. Aus meiner Sicht gilt generell: Je größer der wissenschaftliche Konsens ist, desto mehr kann man vereinfachen. Doch je größer die erkenntnisbezogene Ungewissheit ist, desto mehr muss man auf spezifisches Fachwissen schauen, das einem Problem zugrunde liegt. 

Müssen Wissenschafts­journalisten Experten auf den Gebieten sein, über die sie berichten?

In seinem Buch Are We All Scientific Experts Now? stellt der britische Soziologe ­Harry Collins fest, dass niemand Experte für alles sein kann, weil die Wissenschaft heute ein so weites Feld ist. Als Journalist braucht man das, was er interaktionelle Kompetenz nennt. Wenn man als Wissenschaftsjournalist mit Tausenden von Experten spricht, lernt man im Lauf der Jahre zu erkennen, wer wirkliche Fachkenntnis hat. Ich habe nicht das gleiche Wissen wie der Experte, aber ich kann spüren, ob er oder sie zu viel verspricht, sich gut verkaufen möchte – oder ehrlich Fakten vermittelt. Gute Wissenschaftsjournalisten fragen im Zweifelsfall bei mehreren wissenschaftlichen Experten nach, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Fachwelt zu einer bestimmten Frage steht und wie groß das Spektrum der legitimen Meinungen ist.

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