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Ein konstruktiver Dialog muss unterschiedliche Überzeugungen anerkennen

Die Komplexität der Natur stellte die Menschen schon immer vor Herausforderungen. Wenn sie mit verschiedenen Erklärungen konfrontiert werden, suchen sie sich die heraus, die ihnen wahr erscheint. Dabei orientieren sie sich entweder an ihrem Bauchgefühl oder an einer Person oder Institution, die sie als vertrauenswürdig erachten. Auch Experten sind nicht frei von Subjektivität. Jeder Mensch wird von seinen Einstellungen, Werten und individuellen Lebensumständen beeinflusst.

 

Bei BASF Agricultural Solutions haben wir das unmittelbar erfahren. Unsere Produkte lösen oft Debatten aus. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder Molekular­biologie in der Pflanzenzüchtung polarisiert. Nehmen wir das Beispiel ­Amflora. Diese gentechnisch veränderte Kartoffelsorte, die als optimierter nachwachsender Rohstoff für die Kartoffelstärkeindustrie entwickelt wurde, hatte im Jahr 2010 in Europa die behördliche Zulassung für den Anbau erhalten.

 

Uns war bewusst, dass es Bedenken bei den Verbrauchern geben könnte. Deshalb starteten wir eine umfassende Kommunikationskampagne mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und einer eigenen Internetseite. Trotzdem hagelte es Kritik, unter anderem von Nichtregierungsorganisationen. Obwohl das Produkt in zahlreichen wissenschaftlichen Studien umfassend getestet und behördlich genehmigt worden war, gelang es uns nicht, die breite Öffentlichkeit von seiner Sicherheit und seinem Nutzen zu überzeugen. Aufgrund des massiven und anhaltenden Drucks von Umweltschutzgruppen stoppten wir das Projekt schließlich. Eine ähnliche Erfahrung machen wir heute mit CRISPR/Cas, einer neuen Methode zur Veränderung genetischer Informationen. Das Verfahren könnte in der Pflanzenzüchtung eingesetzt werden, um speziell angepasste Sorten zu entwickeln, die beispielsweise mit der Hitze oder Trockenheit des Klimawandels besser zurecht­kommen. Aber die Gegner dieser​ Technologie befürchten unvorherseh­bare Auswirkungen und manche lehnen moderne Züchtungen grundsätzlich ab.

 

Wenn beide Seiten behaupten, im Sinne der Nachhaltigkeit zu handeln, wie kann die Öffentlichkeit dann eine Entscheidung treffen? Zum Zeitpunkt der Amflora-Genehmigung war ich für die behördliche Zulassung verantwortlich und frustriert, dass es uns nicht gelang, die Öffentlichkeit von unserer Sicht der Dinge zu überzeugen. Eine offene Debatte scheint nicht möglich, wenn Menschen nur die wissenschaftlichen Informationen zulassen, die ihre vorgefasste Meinung bestätigen.

Illustration einer Gruppe diskutierender Menschen, die sich um eine überdimensionale Lupe versammelt haben

Wie lässt sich eine gemeinsame Basis für einen konstruktiven Dialog finden?

 

In gewissem Maße hängt dies von dem Umfeld ab, in dem debattiert wird. Bei einer Podiumsdiskussion mit einem großen Publikum haben die Teilnehmenden eine Botschaft zu vermitteln, und dabei bleiben sie auch. In kleineren Gruppen besteht dagegen die Möglichkeit, dass Menschen über ein Produkt anders denken. Man kann sich auch einen besseren Eindruck verschaffen, woher ihre Bedenken kommen. Daher konzentrieren wir uns zunehmend darauf, noch mehr in Diskussionen mit der Öffentlichkeit zu treten. Anstatt einen Wir-gegen-die-anderen-Ansatz zu verfolgen, fragen wir, wie sich der Wert für die Gesellschaft gemeinsam definieren lässt.

 

Wenn man 20 Jahre lang versucht hat, ein Thema zu erklären, und immer noch dieselben Einwände hört, die man nicht für stichhaltig hält, kann das ohne Frage frustrierend sein. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich verfestigte Positionen ändern können. Etwa dann, wenn die Menschen beginnen, ein Thema aus einem völlig anderen Blickwinkel zu betrachten. Die jüngere Generation konzentriert sich sehr stark auf die Bewältigung von Herausforderungen wie den Klimawandel. Ich denke, sie wird eine andere, eine aufgeschlossenere Haltung gegenüber Technologien wie der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung einnehmen, die Teil der Lösung sein können.

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