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Eine runde Sache

Wir schreiben das Jahr 2050. Wir haben die CO2-Emissionen auf netto null reduziert und die schlimmsten Folgen des Klimawandels abgewendet. Die Wirtschaft ist nicht mehr linear, sie funktioniert in Kreisläufen. Wie sieht das Leben aus, wie kommen wir dorthin?

Stellen Sie sich vor, sie befinden sich zusammen mit Hannah in der Zukunft: Hannah sieht ihren Kleiderschrank durch und beschließt, ihre beste Hose anzuziehen. Diese ist über 20 Jahre alt, aber immer noch in ausgezeichnetem Zustand, weil der Hersteller sie jedes Jahr in Schuss bringt. Sonst gibt es nicht viel in ihrem Kleiderschrank. Sie leiht sich schicke Kleidung, wenn sie diese braucht, gibt abgetragene Kleidungsstücke ab, damit sie zu neuen verarbeitet werden können, oder kompostiert abgelegte T-Shirts selbst, da sie vollständig biologisch abbaubar sind.

 

Die Produkte in ihrer Küche und ihrem Bad befinden sich alle in wiederverwendbaren Behältern. Sie kann sich nicht vorstellen, etwas so Wertvolles wie eine Plastikflasche wegzuwerfen. Ihr Zuhause wird mit überschüssiger Wärme aus der örtlichen Industrie beheizt, ihr Kühlschrank nutzt rückgewonnenes Kältemittel. Sie druckt mit einem 3D-Drucker ihr Frühstück aus den Resten des Vortags und fährt mit einem Elektrofahrrad zur Arbeit, dessen wiederverwertbarer Akku mit Ökostrom aufgeladen wird. Hannah arbeitet in einer boomenden Branche und entwickelt Algorithmen, die eine präzise und effiziente Sortierung von Materialien nach ihrem Gebrauch ermöglichen. Sie betrachtet diese nicht als Abfall.

 

In Hannahs Zukunft hält es niemand mehr für normal, irgendetwas wegzuwerfen, bevor es nicht optimal genutzt worden ist – egal, ob es sich dabei um Kleidung, Elektronik, Haushaltswaren oder Lebensmittel handelt. Materialien werden wiederverwendet, neu verwertet, aufgearbeitet und recycelt und bleiben dadurch länger im Umlauf. Die Produkte sind auf eine längere Lebensdauer ausgelegt und werden mit weniger Material hergestellt. Statt Waren zu erwerben, entscheiden sich die Verbraucher zunehmend für Dienstleistungen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Ein Großteil der im Umlauf befindlichen Waren wird aus erneuerbaren Materialien mit einem geringen CO2-Fußabdruck hergestellt. Was früher Abfall war, gilt heute als Rohstoff. Da es einen Wert hat, wird es gesammelt und sortiert, anstatt als Müll in der Natur zu landen.

Hannah lebt in einer Welt der Kreislaufwirtschaft, in der Konsum und Ressourcenentnahme voneinander entkoppelt sind. Um aus der Gegenwart dorthin zu kommen, ist es noch ein weiter Weg. Noch landet ein Großteil des Abfalls auf Deponien oder wird verbrannt. Es gibt derzeit mehr ausrangierte Kleidung, als unsere Systeme bewältigen können, in den Städten türmt sich der ­Elektromüll und Kunststoffabfälle verschmutzen unsere Ozeane. Eine Welt mit endlichen Ressourcen sollte anders aussehen. Damit Hannahs Welt für uns Realität wird, müssen wir von unserer linearen Wirtschaft zu einem Modell übergehen, in dem die vorhandenen Ressourcen besser genutzt werden – zu einer Kreislaufwirtschaft.

Länder mit höherem Einkommen verbrauchen ein Drittel der weltweiten Ressourcen. 
Quelle: Circularity Gap Report 2021

„Die Kreislaufwirtschaft hat drei Funktionen: Sie wird uns helfen, Treibhausgasemissionen zu reduzieren, biologische Vielfalt zu erhalten und Ungleichheit zu bekämpfen“, sagt Federico Merlo, Managing Director für Kreislaufwirtschaft beim World Business Council for Sustainable Development in Genf/Schweiz. Was den Klimawandel anbelangt, wird die Abkehr von fossilen Energieträgern allein nicht ausreichen, um klimaneutral zu werden. Dafür braucht es auch die Kreislaufwirtschaft. Die Ausweitung von Kreislaufmodellen in der Produktion und beim Konsum werde zudem dabei helfen, die ursprüngliche Natur wiederherzustellen. „Mit der Größe geht Effizienz einher“, erklärt Merlo. „So wie erneuerbare Energien heute überwiegend günstiger sind als fossile, so werden auch recycelte Materialien irgendwann günstiger sein als neue. Dies wird sich in niedrigeren Verbraucherpreisen niederschlagen.“

Wir werden beim Konsum ein großes Umdenken hin zu einer stärker wertorientierten Haltung brauchen.“
Porträt von Frederico Merlo

Federico Merlo

Managing Director, World Business Council for Sustainable Development, Genf/Schweiz

Einige Endanwendungen haben einen hohen Wert für die Gesellschaft, auch wenn sie für eine Wiederverwertung ungeeignet sind – etwa Spritzen für Impfungen. Künftig wird man sie möglichst aus wiederverwendeten, zurückgewonnenen oder wiederaufbereiteten Materialien herstellen. Produkte werden so gestaltet sein, dass sich aus ihnen leichter Material zurückgewinnen lässt, um es problemlos in derselben oder einer anderen Anwendung wiederverwenden zu können. Die Menschen werden ihren Abfall in Systemen entsorgen, die die Materialien sortieren und in die Wertschöpfungs­kette zurückführen. Um dies zu ermöglichen, werden Unternehmen noch mehr mit Partnern zusammenarbeiten.

 

Genauso wichtig ist aber der Einfluss, den die Kreislaufwirtschaft haben kann, um die Ungleichheit zwischen verschiedenen Ländern zu verringern. „Mit der Kreislaufwirtschaft können Staaten ihr Bruttoinlandsprodukt mit weniger neuen Rohstoffen und geringerer Ressourcenintensität steigern. Aufstrebenden Volkswirtschaften bietet sie die Möglichkeit, zu wachsen und bessere Jobs zu schaffen“, so Merlo. „Wenn ein System auf untragbaren Arbeitsbedingungen aufbaut, kann das keine nachhaltige Kreislaufwirtschaft sein.“

Wertorientiert denken

Die vielleicht größte Veränderung wird sein, dass wir verstehen, wie wir unsere Bedürfnisse und Wünsche erfüllen können. „Wir werden beim Konsum ein großes Umdenken hin zu einer stärker wertorientierten Haltung brauchen, bei der die Produkte unter dem Aspekt ihrer Herkunft und ihrer Zukunft betrachtet und Kaufentscheidungen auf dieser Grundlage gefällt werden. Unternehmen werden noch bessere Wege finden, um Dienstleistungen auf Abruf bereitzustellen, ohne die Umwelt zu belasten“, sagt Merlo.

Der Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft hat schon begonnen und viele der dafür erforderlichen Technologien existieren bereits. Dennoch ist es bis zu Hannahs Welt noch ein weiter Weg. Nach Angaben der niederländischen Non-Profit-Organisation Circle Economy ist unsere Welt derzeit nur zu 8,6 Prozent zirkulär. Die internationale Nachhaltigkeitsorganisation Global Footprint Network hat zudem errechnet, dass für die Bereitstellung der von uns heute nachgefragten Güter und Dienstleistungen die Ressourcen von 1,7 Erden erforderlich sind. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen wir den Übergang zur Kreislaufwirtschaft beschleunigen. Was sind die nächsten Schritte, wo liegen die Hürden und wie können wir sie überwinden?

„Ich habe einmal Leute gesehen, die an einem Strand Müll aufgesammelt haben. Die Wellen spülten immer mehr Abfall an. Da kam mir die Erkenntnis, dass es nicht funktioniert, wenn man sich auf die Müllbeseitigung konzentriert. Wir müssen früher ansetzen“, erklärt Simon Widmer, Design Network and Creative Lead bei der Ellen MacArthur-Stiftung in Cowes/England. Mit „früher“ meint Widmer den Zeitpunkt, an dem ein Produkt konzipiert wird. „In dieser Phase werden bei Materialien und beim Geschäftsmodell wichtige Entscheidungen getroffen, die sich später nur schwer rückgängig machen lassen“, sagt er. Bei diesen Entscheidungen geht es laut Widmer unter anderem darum, den tatsächlichen Bedarf zu verstehen und ihn im Rahmen des Gesamtsystems zu sehen. Das kann bedeuten, dass man kein physisches Produkt verkauft, sondern eine Dienstleistung oder ein Erlebnis anbietet. Ein Patentrezept gibt es nicht. Je nach Kontext werden unterschiedliche Lösungen gebraucht.

 

Das heißt auch, multidisziplinär und wertschöpfungskettenübergreifend zu denken. „Wir müssen die Art unserer Zusammenarbeit neu gestalten, um den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden. Anstatt durch den Abbau von Ressourcen Wert zu schaffen, arbeiten wir mit neuen Partnern daran, Lösungen zu entwickeln, mit denen Abfall und Verschmutzung vermieden werden können, ein Materialkreislauf möglich ist und sich die Natur erholen kann“, sagt Widmer.

Verändertes Verbraucherverhalten

Viele Branchen verfolgen bereits Ansätze der Kreislaufwirtschaft, es gibt jedoch Hürden. Die Textilindustrie zum Beispiel ist ein ressourcenintensiver Sektor mit einer globalen Wertschöpfungskette, in der riesige Mengen an Abfall anfallen. Mit Aufkommen der Fast Fashion haben sich die weltweite Bekleidungsproduktion und der Verbrauch in den letzten 15 Jahren wohl verdoppelt. „Wir müssen die Art und Weise ändern, wie Textilien hergestellt, ausgewählt und entsorgt werden, um den Wert der von uns in den Markt eingebrachten Materialien zu erhalten“, so Mauro ­Scalia, Director of Sustainable Businesses beim europäischen Bekleidungs- und Textilverband ­EURATEX in Brüssel/Belgien.

Eine große Herausforderung besteht darin, Materialien nach ihrer Verwendung durch den Verbraucher in die Wertschöpfungskette zurückzuführen. Als Antwort darauf hat EURATEX die ReHubs Initiative ins Leben gerufen. „Wir führen gerade ein integriertes System von Recyclingzentren in ganz Europa ein“, sagt Scalia. „Ziel ist es, neue Partnerschaften über die herkömmliche Textillieferkette hinaus aufzubauen und Akteure aus verschiedenen Branchen – von der chemischen Industrie bis zum Einzelhandel – einzubinden.“

 

Eine weitere Herausforderung ist der Preis. „Verbraucher suchen nach billigen Produkten, aber Nachhaltigkeit hat ihren Preis, und Unternehmen müssen wettbewerbsfähig sein“, erläutert Scalia. „Die meisten Kleidungsstücke werden immer noch nach Komfort, Ästhetik und Preis ausgewählt.“ Zwar wächst das Bewusstsein der Verbraucher für Nachhaltigkeit, doch zwischen Einstellung und Verhalten besteht immer noch eine Kluft. Nach Angaben des deutschen Online-Bekleidungshändlers Zalando wünschen sich 60 Prozent der Verbraucher Transparenz, aber nur 20 Prozent nutzen diese Informationen beim Kauf. Unternehmen müssen Scalia zufolge Wege finden, um nachhaltigere Kaufentscheidungen zu erleichtern, und würden von klaren, harmonisierten Instrumenten zur Information der Verbraucher profitieren. Es bieten sich durchaus Möglichkeiten. „Viele europäische Unternehmen heben sich durch Qualität und Kreativität ab. Nachhaltigkeit ist das neue Qualitäts­merkmal“, so Scalia.

Vorschaubild Video: Kreislaufwirtschaft bei BASF

Kreislaufwirtschaft bei BASF

Auch für die chemische Industrie bringt die Kreislaufwirtschaft Chancen, Herausforderungen und neue Partnerschaften. „Früher haben wir Abfallunternehmen unseren Müll geschickt. Jetzt sind sie potenzielle Rohstofflieferanten“, sagt Dr. Cordula Mock-Knoblauch, Director Renewables and Sustainability im BASF-Unternehmensbereich Intermediates in Ludwigshafen. Doch während Raffinerien aus fossilen Energieträgern standardisierte Ausgangsstoffe erzeugen, ist dies bei den aus Abfällen gewonnenen Rohstoffen nicht der Fall.

„Wir arbeiten mit Entsorgungsunternehmen zusammen, um die optimalen Rohstoffe für unsere Branche zu finden“, sagt Mock-Knoblauch. „Können wir Abfälle verwenden, die aus verschiedenen Materialien bestehen, oder müssen sie sortiert werden?“

 

Eine weitere Frage ist, wie Abfälle in Rohstoffe umgewandelt werden können, die sich leicht in die bestehenden Wertschöpfungsketten der chemischen Industrie integrieren lassen. Eine Lösung ist das Biomassenbilanz-Verfahren von BASF, bei dem Abfälle aus Biomasse als Ausgangsmaterial für die ersten Schritte der chemischen Produktion verwendet werden. „Mit diesem Ansatz können wir den Anteil an nachwachsenden Rohstoffen in unserer Wertschöpfungskette schneller steigern“, erläutert Mock-Knoblauch.

Lässt sich das wirklich recyceln?

Symbol für Radioaktiver Müll in einem Kreis
Vereinfachte Illustration von einem Satelliten.
Symbol für Insulin Spritze in einem Kreis

Größere Kreisläufe

Privatpersonen und Unternehmen können ihren Teil beitragen. Aber auch politische Maßnahmen wie der Green Deal und der Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft der Europäischen Union oder die Initiative Chinas zur Förderung sauberer, recyclingbasierter Produktionsmethoden und umweltfreundlicher Konzepte werden die Transformation vorantreiben. „Die Verhaltensweisen Einzelner können einen enormen Einfluss haben. Aber Verhaltensänderungen brauchen viel Zeit und der Wandel muss schneller gehen“, erklärt Dr. Erika Bellmann, Leiterin der Deutschland-Programme bei der norwegischen Nichtregierungsorganisation Bellona.

Der Wandel muss schneller gehen.“
Porträt von Dr. Erika Bellmann

Dr. Erika Bellmann

Leiterin der Deutschland-Programme bei Bellona, Oslo/Norwegen

Hier kommt der Staat ins Spiel. „Wir brauchen eine Mischung aus Quoten, Regeln und Verboten sowie Anreize und Förderprogramme für neue Technologien“, meint Bellmann. „Und wir brauchen eine andere Infrastruktur: ein gutes Abfallsammelsystem, Strom aus erneuerbaren Quellen. Das ist wichtig, denn die größeren Recyclingkreisläufe, wie das chemische Recycling, benötigen teils viel Energie.“

Eine in Kreisläufen organisierte Wirtschaft ist komplexer als eine lineare. Um sie zu optimieren, müssen Materialien, Rohstoffe und Reststoffe während ihres gesamten Lebenszyklus rückverfolgbar sein. Hier kann die Digitalisierung zu einer höheren Reinheit und Qualität der Abfallströme beitragen. „Je mehr wir wissen, desto schneller können wir Kreisläufe schließen und nachhaltigere Produkte entwickeln“, so Dr. Bernhard von Vacano, Senior Research Fellow bei BASF in Ludwigshafen. Die Digitalisierung unterstützt auch ein nachhaltiges Design. Lebensmittelverpackungen zum Beispiel müssen auslaufsicher sein, die Lebensmittel schützen, wiederverwertbar oder biologisch abbaubar sowie wirtschaftlich rentabel sein. „Mit Simulationen und Big Data können wir frühzeitig vorhersagen, welche Materialien all diese Eigenschaften wahrscheinlich aufweisen werden“, sagt von Vacano.

 

Unternehmen müssen zudem eine Analyse des Lebenszyklus für ihre Produkte durchführen. Dazu gehört, dass jeder Akteur entlang einer Lieferkette seinen CO2-Fußabdruck berechnet und die Informationen weitergibt. „Das ist die Grundlage für eine Entscheidungsfindung. Deshalb berechnen wir bei BASF die CO2-Bilanz für jedes unserer 45.000 Produkte. Ohne dieses Wissen werden wir keine langfristig tragfähigen Lösungen finden“, sagt Mock-Knoblauch.

Können Ressourcen unbegrenzt recycelt werden? „Im Prinzip schon, aber der Energieaufwand kann den Nutzen übersteigen“, erläutert von Vacano. „Es ist schwer, einen Kreislauf perfekt zu schließen. Selbst wenn man 90 Prozent des Materials im Kreislauf behält, bleibt nach zehnmaligem Recycling nur noch etwa ein Drittel übrig.“ Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass Produkte mit einer langen Lebensdauer erst in vielen Jahren für das Recycling zur Verfügung stehen, sodass wir in der Zwischenzeit erneuerbare Rohstoffe finden müssen, die in den Kreislauf eingespeist werden.

 

Die Kreislaufwirtschaft wird nicht perfekt sein, aber die Welt ist heute ohnehin noch weit davon entfernt, zirkulär zu sein. Einer der wichtigsten Motoren des Wandels sind laut Merlo Menschen, die mit gutem Beispiel vorangehen. „Wir haben mit der Corona-Pandemie gesehen, dass verborgene Kräfte uns in die Knie zwingen können. Mit dem Klima und der Ungleichheit stehen wir vor noch größeren Herausforderungen. Jetzt müssen wir Vorbild sein. Wir sollten alle aufhören, Zeit zu verschwenden. Denn wenn eine Sache nicht zirkulär ist, ist es die Zeit.“

Fußabdruck der Kreislaufwirtschaft

Gumdrop, ein Unternehmen aus London/England, stellt aus Abfall wiederverwertbare Produkte her.

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