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Interview - Die fünf Prinzipien eines Stadtplaners

Dr. Liu Thai Ker, der ehemalige Chefstadtplaner Singapurs, hat den Inselstaat von einer Ansammlung von Slums in eine der lebenswertesten Megastädte der Welt verwandelt. Hier erklärt er, worauf es wirklich ankommt.

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Fünf Jahrzehnte Stadtplanung

Dr. Liu Thai Ker

Architekt und ehemaliger
Chefplaner von Singapur

Dr. Liu Thai Ker, Sohn eines Künstlers, absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Architekten an der University of New South Wales/Australien, bevor er einen Abschluss als Master of City Planning an der Yale University/ USA machte.

Nach seiner Rückkehr nach Singapur war er von 1969 bis 1989 als Architekt und Planer sowie Vorstandsvorsitzender des Singapore Housing & Development Board sowie von 1989 bis 1992 als Vorstandsvorsitzender und Chefplaner der Urban Redevelopment Authority tätig. Von 1992 bis 2017 war er Direktor von RSP Architects Planners & Engineers und gründete ein neues Architektur- und Planungsbüro, Morrow, in Singapur. 

Er ist außerdem Gründungsvorsitzender des Centre for Liveable Cities in Singapur und hat rund 50 Städte neben Singapur geplant. Er ist Ehrendoktor der University of New South Wales und hat zahlreiche Auszeichnungen in Singapur und im Ausland erhalten.

Creating Chemistry: Auf der ganzen Welt gibt es immer mehr Städte, die zudem immer größer werden. Wie können wir Megastädte zu lebenswerten Orten machen, an denen sich Menschen heimisch fühlen?

Liu Thai Ker: Als ich 1969 als Stadtplaner in Singapur anfing, hatte die Stadt 1,6 Millionen Einwohner. Heute leben hier fast 6 Millionen Menschen. Es gab ein skizzenhaftes, aber gut durchdachtes Konzept, das 1971 erstellt wurde. Meine Aufgabe war es, die Einzelheiten der neuen Stadtpläne in Einklang mit dem breiten Rahmenplan zu ergänzen. Die Pläne, die wir in diesen Jahrzehnten festlegten, sind uns trotz unseres schnellen Wachstums zugutegekommen. Der wesentliche Punkt ist, dass wir die Stadt in kleinere urbane Zellen aufgeteilt haben. Auf diese Weise wird die Bevölkerung von 6 Millionen Menschen in immer kleinere Gemeinden unterteilt, bis man das Gefühl hat, in einem Hochhausdorf zu leben.
 

Wie funktioniert das im Detail?

Wir haben die Stadt in fünf Bereiche von jeweils 1,1 Millionen Einwohnern aufgeteilt. Jeder Bereich ist wie eine kleine Stadt und wird dann in neue Städte mit 200.000 bis 300.000 Einwohnern unterteilt. In einer Stadt dieser Größe kann man sein ganzes Leben lang wohnen: Man wird dort geboren, geht dort zur Schule und, wenn nötig, ins Krankenhaus. Die Städte sind in Viertel unterteilt, die als ein Gebiet definiert sind, das man zu Fuß erreichen kann. Diese unterteilen wir dann in Bezirke mit einer Fläche von 2,5 bis 4 Hektar. Soziologen sagen, dass dies klein genug ist, damit die Menschen eine emotionale Bindung zu ihrem Wohnort entwickeln. In einem Bezirk leben weniger als tausend Familien, sodass die Menschen sich untereinander kennen und einen gemeinschaftlichen Zusammenhalt wie in traditionellen Dörfern entwickeln.
 

Welche weiteren Vorteile bringt dies?

Zwischen 1960 und 1985 wurden erstmals in großer Zahl Menschen in Sozialwohnungen untergebracht. Sie kannten sich nicht, stammten aus verschiedenen sozioökonomischen Schichten und hatten eine unterschiedliche ethnische Herkunft. Es war daher sehr wichtig, ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Die Menschen lernten sich durch die Bezirke bald kennen und behandelten sich gegenseitig nicht als Fremde, sondern wie Freunde. Das ist ein Grund, warum Singapur heute ein sicherer Ort ist.

Wie lässt sich das auf andere Städte auf der ganzen Welt übertragen?

In Asien liegen die Bevölkerungszahlen in vielen Städten bei über 10 Millionen. Schanghai hat mehr Einwohner als ganz Australien. Mein Rat an diese Städte war es, nicht jede davon als eine einzige Stadt zu behandeln, sondern als eine Konstellation aus kleineren Städten – unabhängig und einander doch zugehörig – mit Einrichtungen, die auf jede von ihnen verteilt sind. Das bedeutet, dass eine Person zu Fuß zu ihrem Gemeindezentrum gehen kann, um das zu bekommen, was sie braucht. Sie muss nicht fahren. Dadurch verkürzt sich die Wegezeit, es wird weniger Kraftstoff verbraucht und die Luftqualität verbessert sich. In China habe ich auf dieser Grundlage drei Städte mit jeweils 12 Millionen Einwohnern geplant. Stadtplanung beeinflusst das menschliche Verhalten: Wenn wir gut planen, fördert das ein Verhalten, das Zeit und Energie spart und das Leben der Bürger verbessert.

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Der Bishan-Park hinter Liu wurde mit einem naturnahen Fluss angelegt, um die Artenvielfalt in der Stadt zu erhöhen.

Ein Großteil der Planung Singapurs beruhte auf dicht besiedelten Wolkenkratzern. Gibt es bei der Planung der Zahl der Personen pro Quadratmeter einen Wert, der nicht überschritten werden sollte?

Dieses Problem ist in Asien akuter als im Westen. In Asien leben 60 Prozent der Weltbevölkerung auf rund einem Drittel der Landfläche des Planeten. Wir haben also gar keine andere Wahl, als stark verdichtetes Wohnen in Betracht zu ziehen, aber wir müssen auch ein gutes, lebenswertes Umfeld schaffen. Keine Regierung – gleichgültig, wie mächtig sie ist – kann Menschen daran hindern, in eine Stadt zu ziehen, die sich gut entwickelt. Die Aufgabe eines Planers besteht daher nicht darin, zu bestimmen, welche Bevölkerungsgröße ein Gebiet verkraften kann, sondern langfristig die wahrscheinliche Bevölkerungsgröße zu prognostizieren, auf die die Stadt anwachsen kann, und die benötigten Grundflächen für alle täglichen Aktivitäten jedes Bürgers als gleichwertig mit denen einer hoch entwickelten Stadt zu betrachten. Nur dann kann der Planer die verschiedenen Arten der Landnutzung und die erforderlichen Größen innerhalb der beschränkt verfügbaren Flächen zuweisen.

60 %

der Weltbevölkerung leben in Asien auf rund einem Drittel der Landfläche des Planeten.

Wie berechnet man die optimale Wohnfläche pro Person?

Als ich 1969 nach Singapur zurückgekehrt bin, war die Stadt bitterarm, aber ich musste neue Städte mit geeigneten Wohnungen für die unteren Einkommensgruppen planen. Ich war der Meinung, dass wir versuchen mussten, unsere Wohnungen und Einrichtungen so zu planen, dass sie dem Standard der Ersten Welt so nah wie möglich kommen. Also habe ich eine Studie zu der in Amerika vom Menschen genutzten Grundfläche als Richtlinie verwendet. Selbst in einem Dritte-Welt-Land sollte man nach den Standards der Ersten Welt planen. Es ist zu teuer, mehrere Schritte des Übergangs und der Modernisierung, des Abrisses minderwertiger Gebäude und des Wiederaufbaus besserer Gebäude zu durchlaufen.

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Ein offener Korridor in einem Mehrfamilienhaus in Ang Mo Kio, einer der von Liu geplanten Städte in Singapur. Öffentliche Verkehrsanbindungen befinden sich in unmittelbarer Nähe.

Viele Städte wachsen schneller als die vorhandene Infrastruktur. Wie meistert man diese Herausforderung?

Eine gute langfristige Planung ist der Ausgangspunkt. Wenn ich jetzt für Städte plane, plane ich für 2070, denn dann wird die Weltbevölkerung Vorhersagen zufolge ihren Zenit erreichen. Wir planen für das gesamte Gebiet und setzen den Plan dann phasenweise um, sodass sich die Expansion kontinuierlich vollzieht und keine Entwicklungsstufen übersprungen werden. So sind wir in Singapur vorgegangen. Nachdem die erste Stufe der Infrastruktur installiert war, sind die Menschen eingezogen und wir haben begonnen, Steuern zu erheben. So konnten wir eine Stadt entwickeln, ohne Geld von der Weltbank zu leihen, obwohl wir als sehr armes Land begonnen hatten. Für ein gutes städtisches Umfeld braucht man eine intelligente Planung und Verwaltung.


Welche Rolle spielen die Bürger bei der Stadtplanung?

Ein Planer oder eine Regierung kann nicht alles wissen. Sie brauchen das konstruktive Feedback der Bürger. Im öffentlichen Wohnungsbau haben wir nicht nur die Bauarbeiten geplant und überwacht, sondern auch fertiggestellte Gebäude verwaltet. Das Schöne daran: Wir haben viele Beschwerden erhalten, also haben wir Forschungseinheiten organisiert, um diejenigen zu finden, die Fehler aufzeigen, die wir bei der Konstruktion und Planung gemacht hatten. Jeden Monat haben wir die wichtigsten dieser Beschwerden in die neue Stadtplanung und -gestaltung einfließen lassen. Dieser Prozess hat 20 Jahre gedauert. Sie können sich vorstellen, wie viel ich gelernt habe.

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In den letzten zehn Jahren haben viele Städte die Idee der Smart City übernommen, um ihre Herausforderungen besser zu bewältigen. Was bedeutet Smart City für Sie?

Für mich ist eine Smart City das Gleiche, wie es die Vitamine für den Körper sind. Die Aufgabe eines Planers ist es, dafür zu sorgen, dass der Körper gesund ist. Das erfordert eine sorgfältige, intelligente Planung. Nur auf dieser Grundlage kann man dann Vitamine einnehmen, um die Stadt zu stärken. Die Vitamine sind der smarte Teil davon, also die Technologie. Meine größte Sorge ist, dass die Menschen denken, dass Technologie städtische Probleme lösen kann. Das kann sie nicht. Die städtischen Bedürfnisse müssen durch intelligente Planung und Gestaltung erfüllt werden, was wirklich harte Arbeit erfordert. Idealerweise sollte intelligente Technologie mit solider Planung kombiniert werden, aber es gibt noch nicht viele gute Beispiele dafür auf der Welt.

Als Planer trägt man eine nahezu heilige Verantwortung für die Menschen seiner Stadt.“
Dr. Liu Thai Ker
Architekt und Stadtplaner

Sie haben gesagt, dass der oberste Zweck einer Stadt darin besteht, das Selbstwertgefühl jedes Bürgers zu steigern. Wie lässt sich das erreichen?

Das Ziel eines Stadtplaners wird von fünf Prinzipien geleitet. Man braucht Ökologie, um nicht zur Klimaerwärmung beizutragen. Man braucht Bildung, weil man qualifizierte Arbeitskräfte möchte. Man braucht ein gutes Umfeld, damit die Menschen glücklich leben können. Dann entsteht ein Wirtschaftswachstum, weil man Investitionen und Talente in die Stadt lockt. Wenn man die ersten vier Prinzipien umsetzt, gewinnen die Bürger dieser Stadt an Selbstwertgefühl, und aus meiner Sicht muss dies das oberste Ziel eines Stadtplaners sein. Der Fokus auf Umfeld und Ökologie allein ist ein zu niedriges Ziel. Als Planer trägt man eine nahezu heilige Verantwortung für die Menschen seiner Stadt und muss sein Bestes tun, um das zu erreichen.


Was muss man tun, um den städtischen Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden?

Die starke Betonung der Technologie als Lösung für städtische Probleme bereitet mir große Sorgen. Wir müssen mehr Gewicht auf die intelligente Planung einer Stadt legen. Architekten und Planer neigen dazu, sich selbst so zu sehen, dass sie ihre kreativen Ideen dem Raum aufzwingen. Ich denke so nicht. Ich betrachte mich als Diener der Städte und ihrer Bevölkerung. Wenn sich Planer, Politiker und Architekten selbst so sehen, dann wird die Welt vielleicht bessere Städte bekommen.

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