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Welt ohne Insekten

Aktuelle Studien und Berichte zeichnen ein dunkles Bild von der Zukunft der Insekten und den möglichen Folgen für den Planeten. Wir blicken hinter die Schlagzeilen und fragen, was den Rückgang der Insektenbestände verursacht und wie wir diese komplexe Herausforderung meistern können.


Niemand weiß genau, wie viele Insekten auf unserem Planeten existieren. Aber wir wissen, dass es viele sind – auf einen Menschen kommen schätzungsweise über 200 Millionen. Doch ihre Zahl nimmt ab. Dass Insekten aus ihren angestammten Lebensräumen verschwinden, wird weltweit beobachtet – sei es in Europa, Australien, den USA oder sogar in den tropischen Regenwäldern von Puerto Rico. Wissenschaftler sind sich einig, dass es diesen Rückgang wirklich gibt, doch die Belege für Ausmaß und Ursachen sind widersprüchlich. Einige Forscher warnen, dass wir es mit einer Insekten-Apokalypse zu tun haben und Insekten in 100 Jahren vollständig aussterben werden, wenn wir nichts unternehmen. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES der Vereinten Nationen sagt jedoch, dass das Bild nicht so klar ist, und schätzt vorsichtig, dass 10 Prozent der Insektenarten bedroht sind.
 

Wir haben Experten aus verschiedenen Bereichen gefragt, was diese Rückgänge verursacht und was wir tun können, um den Trend umzukehren.

Aus verschiedenen Blickwinkeln

Aktuelle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Insektenpopulationen in einigen Gegenden der Welt schrumpfen. Wir haben verschiedene Experten gefragt, wie es mit den Fakten hinter den Schlagzeilen aussieht, warum Insekten wichtig sind und was wir tun können, um sie besser zu schützen.

Die überwiegende Mehrzahl der Insekten ist jeden Tag unterwegs, um unser Leben besser zu machen.“
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Die Entomologin: Professorin Anne Sverdrup-Thygeson
ist Dozentin für Naturschutzbiologie an der Universität für Umwelt- und Biowissenschaften in Ås bei Oslo/Norwegen, wissenschaftliche Beraterin am Norwegischen Institut für Naturforschung und Autorin des Buchs „Libelle, Marienkäfer & Co.“

Creating Chemistry: Was alles müssen wir noch über die Insektenwelt herausfinden? 

Anne Sverdrup-Thygeson: Rund 75 Prozent aller Pflanzen- und Tierarten auf diesem Planeten sind Insekten – das ist überwältigend. Über die meisten wissen wir nichts. Von denen, die wir kennen, wurde nur bei 1 Prozent untersucht, ob sie bedroht sind. Es gibt noch viel herauszufinden. 
 

Viele Insekten sind lästig oder übertragen Krankheiten – warum brauchen wir sie? 

Sverdrup-Thygeson: Nur ein winziger Bruchteil der Insektenarten ist lästig. Die überwiegende Mehrzahl der Insekten ist jeden Tag unterwegs, um unser Leben besser zu machen. Sie sind an vielen ökologischen Prozessen beteiligt, wie der Wiederverwertung abgestorbener organischer Substanzen – ob Kot, verwelkte Pflanzen und Bäume oder tote Tiere. Dies ist einer der grundlegenden Prozesse des Lebens. Wenn Nährstoffe nicht wieder in neuen fruchtbaren Boden umgewandelt werden, haben Pflanzen keine Möglichkeit, zu wachsen. Dann gibt es noch die Bestäubung. Drei Viertel unserer Kulturpflanzenarten sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Dazu gehören Obst, Gemüse und viele Nüsse. Ohne diese Nährstoffe würden uns die notwendigen Vitamine fehlen und unsere Nahrung würde viel an Geschmack und Farbe verlieren. Außerdem dienen Insekten auch als Nahrung für viele größere Tiere, wie etwa Vögel.
 

Welche Konsequenzen hat es, wenn eine einzelne Art ausstirbt?

Sverdrup-Thygeson: Wenn der Ausgangspunkt eine vollzählige artenreiche Insektengemeinschaft ist und eine Art ausstirbt, ändert sich normalerweise nicht viel. Aber wenn ein Ökosystem Schwankungen begegnet – wie dies heutzutage in der Natur angesichts des Klimawandels der Fall ist –, ist eine artenreiche Gemeinschaft robuster und widerstandsfähiger gegen diesen äußeren Druck. Ich stelle mir die Natur wie eine Hängematte vor, in der wir uns ausruhen. Wir können einige Fäden herausziehen, einige Arten können aussterben. Aber irgendwann löst sich der ganze Stoff auf. Wir wollen wirklich nicht, dass es so weit kommt.
 

Welche sind die bekannten Ursachen für den Rückgang des Insektenbestands?

Sverdrup-Thygeson: Es ist eine Mischung aus vielen Dingen, aber der Hauptfaktor ist ganz einfach, dass der Mensch zu viel Platz einnimmt und zu viel von der Natur um sich herum verbraucht. Die Landwirtschaft ist sehr flächenintensiv. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sie diese Gebiete oft von Orten, an denen Insekten ihren Lebensraum gefunden haben, in eine Monokultur verwandelt. Hinzu kommen der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Einführung von ortsfremden Arten, die die lokalen Arten verdrängen und Krankheiten und Parasiten mitbringen, sowie zu allem Überfluss noch der Klimawandel. Natürlich geht die Evolution die ganze Zeit weiter und Insekten sind anpassungsfähige Kreaturen. Aber es ist wirklich die Frage, ob sie mit diesen Veränderungen Schritt halten können. Wir müssen an Insekten denken, wenn wir Entwicklungspläne für Land erstellen.
 

Was können wir tun, um Insektenreichtum und -vielfalt zu schützen?

Sverdrup-Thygeson: Einfach mehr über Insekten zu erfahren und sie kennenzulernen, ist ein Anfang. Wenn Sie einen Garten haben, mähen Sie den Rasen seltener oder schaffen Sie eine wilde Ecke. Es geht darum, die natürliche Vegetation in unseren Lebensraum und in unsere Agrar- und Forstlandschaft zurückzubringen. Wir müssen dafür sorgen, dass es einfacher und billiger wird, das Richtige zu tun, und es etwas kostet, wenn man die falschen Dinge tut. Am Ende fällt alles auf uns zurück. All diese nützlichen Dinge, die Insekten tun, sind wie eine Lebensversicherung für uns, unsere Kinder und Enkelkinder.
 

Was sind einige der erstaunlichsten Dinge, die Sie über Insekten gelernt haben?

Sverdrup-Thygeson: In den Tropen Asiens gibt es einen seltenen Bockkäfer mit einer farbveränderlichen Struktur, die Chemiker kopieren konnten. Auch die gewöhnliche Fruchtfliege ist nützlich – sie ist ideal für die Forschung, weil sie preiswert ist, sich leicht im Labor halten lässt und viele Nachkommen hat. Wir haben mehr Gene mit der Fruchtfliege gemeinsam, als man vielleicht wahrhaben möchte. Die Forschung an Fruchtfliegen ist daher für den Menschen von großer Bedeutung und erweitert unser Verständnis von Vererbung und früher Entwicklung sowie von Phänomenen wie Schlaflosigkeit und Jetlag. Fruchtfliegen haben bei nicht weniger als sechs Nobelpreisen für Medizin eine Rolle gespielt.

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BASF-Aktivitäten weltweit

Landwirtschaft und Biodiversität können Hand in Hand gehen. Darum engagiert sich BASF weltweit in verschiedenen Projekten, um Biodiversität zu messen und zu fördern – zusammen mit Landwirten und externen Experten:
Ich bin wirklich der Meinung, dass wir, um genügend Lebensräume für den Erhalt einer großen biologischen Vielfalt zu schaffen, eine intensive Landwirtschaft brauchen.“
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Harold Bastiaans, PhD,
ist Vice President Insecticide Research bei BASF in Ludwigshafen. Er hat einen Abschluss in Chemie und Pharmakologie von der Vrije Universiteit, Amsterdam/Niederlande, und war Postdoc für organische Chemie an der Stanford University/USA.

BASF-Standpunkt: Ausgewogenheit ist alles

Die Lebensräume von Insekten sind bedroht. Daher müssen unbedingt Mittel und Wege gefunden werden, um genügend Nahrung zu produzieren, ohne dabei mehr Land zu verbrauchen.

Wir stehen vor der Herausforderung, zwei konkurrierende Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren: die Produktion von Nahrungsmitteln für eine wachsende Bevölkerung und den Erhalt der reichen biologischen Vielfalt, von der wir abhängig sind. Es ist ein komplexes Thema, aber durch den technologischen Fortschritt sind diese Bedürfnisse nicht mehr so diametral entgegengesetzt wie in der Vergangenheit.

Es gibt drei Hauptursachen für den Rückgang der Insektenbestände: Verlust von Lebensräumen und Nahrungsquellen, Klimawandel sowie Verschmutzung von Böden und Wasser. Am schwersten wiegt dabei vermutlich der Verlust von Lebensräumen. Eine nachhaltig intensivierte Landwirtschaft ist in meinen Augen eine Lösung, um dieser Herausforderung zu begegnen. Sie ermöglicht uns, mehr Lebensmittel auf einer kleineren Fläche zu produzieren. So bleibt mehr Land für Insekten übrig.

Die intensive Landwirtschaft erfordert spezifische Pflanzenschutzmittel und Präzisionstechnik, damit diese nur dort eingesetzt werden, wo sie auch benötigt werden. Darüber hinaus müssen wir die Landwirte in der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln schulen, damit das Risiko für den Anwender und die Umwelt so gering wie möglich ist, wie bei unseren Farmer Field Schools in Asien. Landwirte lernen dort, dass sie bei richtiger Verwendung der Chemikalien weniger davon verbrauchen und Geld sparen.
 

Die Umwelt im Fokus

Die Entwicklung neuer Pflanzenschutzmittel hat sich in dramatischer Weise verändert. In der Vergangenheit konzentrierte sich die Forschung auf die Wirksamkeit gegen das Zielinsekt. Heute stellt sich schon früh die Frage, welche Probleme ein neuer Wirkstoff für Menschen, Bienen, Vögel, andere Nutzinsekten und die Umwelt im Allgemeinen mit sich bringen könnte. Jeder Wirkstoff durchläuft zahlreiche Studien nach weltweit einheitlichen Kriterien, um zu beweisen, dass er so sicher wie möglich ist.

Auch die Menge der benötigten Pflanzenschutzmittel ist drastisch gesunken. Bei unseren neuesten Insektiziden sind nur 10 Gramm pro Hektar erforderlich. In den 1970er-Jahren lag eine typische Dosis bei 1 bis 2 Kilogramm pro Hektar. Die neuen Insektizide haben auch eine kürzere Halbwertszeit im Boden, sodass die Zeit, in der die Substanz in der Umwelt bleibt, deutlich verkürzt wurde.

Vor allem hier in Europa stelle ich fest, dass die Gesellschaft den Bezug zur Landwirtschaft verloren hat. Wenn man nicht anerkennt, dass Landwirtschaft notwendig ist, ist es sehr schwer zu verstehen, warum man Pflanzenschutz braucht. Die moderne Landwirtschaft in Verbindung mit einer abwechslungsreichen Ernährung trägt wesentlich zu einer längeren Lebenserwartung und zur Lebensqualität bei. Pflanzenschutz hilft, sicherzustellen, dass jeden Tag frische Lebensmittel auf unseren Teller kommen, die gesund und sicher sind.

Unsere Gesellschaft macht sich Gedanken über die Gefährlichkeit von Pflanzenschutzmitteln und sieht sie als großes Risiko. Moderne Pflanzenschutzmittel gehören jedoch zu den am stärksten regulierten Produkten der Welt. Für mich steht ihre Sicherheit außer Zweifel. Mir fällt auf, dass wir bei anderen Dingen, die wir verwenden, wie zum Beispiel Autos, weniger risikoscheu sind. Ich glaube, man muss die mit einem Risiko verbundenen Vorteile kennen, um eine gute Entscheidung treffen zu können.

Ich bin wirklich der Meinung, dass wir, um genügend Lebensräume für den Erhalt einer großen biologischen Vielfalt zu schaffen, eine intensive Landwirtschaft brauchen. Eine Intensivierung der Landwirtschaft bedeutet, alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, auch den Pflanzenschutz. Wir arbeiten eng mit Landwirten zusammen, um Maßnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt zu erproben und aufzuzeigen, wie sie mit produktiven landwirtschaftlichen Methoden Hand in Hand gehen können. Auf diese Weise können wir neue Lebensräume schaffen, in denen unsere Insekten und alle anderen Tiere leben und gedeihen können.

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Jegliche Informationen über Bestäuber sind wichtig. Sie schärfen das Bewusstsein, dass wir die Qualität unserer Umwelt verbessern müssen.“
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Die internationale Expertin für bestäubende Insekten: Professorin Vera Lúcia Imperatriz-Fonseca
ist Mitvorsitzende des Weltbiodiversitätsrats IPBES der Vereinten Nationen und ehemalige Dozentin für Ökologie an der Universität von São Paulo/Brasilien.

Creating Chemistry: Wie können wir die Ernährung einer wachsenden Bevölkerung und den Schutz von Insekten miteinander vereinbaren?

Vera Lúcia Imperatriz-Fonseca: Insekten sind nicht nur eine Nahrungsquelle für viele Menschen auf der Welt. Sie verbessern auch als Bestäuber die Ernteerträge. Sie sind jedoch gefährdet durch Pflanzenschutzmittel, Veränderungen in der Landnutzung und landwirtschaftliche Nutzflächen sowie durch die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Bestäuber brauchen zum Überleben naturbelassene Gebiete, um sich zu vermehren und ihre Eier zu beschützen. Wenn wir diese naturbelassenen Gebiete anbieten, werden die von ihnen besuchten Nutzpflanzen profitablere Erträge erzielen. Aber die intensive Entwaldung der letzten Jahre, um neue landwirtschaftliche Nutzflächen zu schaffen, hat dazu geführt, dass riesige Gebiete geschädigt wurden und in ihren alten Zustand zurückversetzt werden müssen. Wir müssen von nun an die besten landwirtschaftlichen Methoden anwenden, denn bestäubende Insekten sind unerlässlich, wenn wir eine wachsende Bevölkerung ernähren, in kleinen Gebieten höhere Erträge erzielen und eine biologische Vielfalt haben wollen, die es uns ermöglicht, die Folgen des Klimawandels zu mildern.
 

Ist eine effektivere Zusammenarbeit in den verschiedenen Branchen erforderlich?

Imperatriz-Fonseca: Ja, ein Großteil des Privatsektors hat seine Richtlinien zur unternehmerischen Verantwortung an den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung ausgerichtet, um Leistung und Effizienz zu verbessern. Dies hat gute Möglichkeiten der Zusammenarbeit eröffnet. Aber die private Agrarwirtschaft muss die gute fachliche Praxis für die Menschen verbessern, die chemische Produkte einsetzen, um sicherzustellen, dass sie korrekt und in den erforderlichen Mengen angewendet werden. Unternehmen des Privatsektors können auch Aktivitäten für angewandte und innovative Forschung finanziell unterstützen, um Bestäuber einzusetzen und zu erhalten. Die Coalition of the Willing on Pollinators, also die Koalition der Willigen bei Bestäubern, die ursprünglich vom niederländischen Wirtschaftsministerium organisiert wurde, hat heute 26 Länder als Partner. Sie ermutigen lokale Aktionen, um bestäubende Insekten und ihre Lebensräume auf Grundlage der Ergebnisse der IPBES-Bewertung zu Bestäubern zu schützen, fördern nationale Strategien und tauschen sich zu Innovationen und Erfahrungen aus. Viele Nichtregierungsorganisationen wenden auch biokulturelle Forschung an, um das lokale Wissen zu mehren und die Ökosysteme zu erhalten. 
 

Muss mehr getan werden, um das Risiko bei der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln wirksam zu verringern?

Imperatriz-Fonseca: Natürlich, vor allem in den Entwicklungsländern. Die in Industrienationen angewandten bewährten Verfahren werden überall gebraucht. Außerdem besteht vor Ort Bedarf an finanzieller Hilfe, um Fachkräfte zu den besten Methoden zu schulen. Und Firmennetzwerke könnten die angewandte Forschung bei der Lösung lokaler Probleme unterstützen. Diese finanzielle Hilfe könnte durch lokale Forschungseinrichtungen und eine gemeinsame Verwaltung gestaltet werden.  
 

Welche Maßnahmen können wir auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene ergreifen?

Imperatriz-Fonseca: Auf lokaler Ebene sind die Programme von Citizen Science, also Bürgerwissenschaft, sehr nützlich, da sie dazu beitragen, die Verbreitung von Informationen und örtlichen Methoden zu organisieren. Auch die Schulung von Kindern ist notwendig. Jegliche Informationen über Bestäuber, ihren Einsatz und ihre Erhaltung sind wichtig. Denn sie stellen eine Verbindung zur Natur her und schärfen das Bewusstsein, dass wir die Qualität unserer Umwelt verbessern müssen. Auf nationaler Ebene sind Museen und Sammlungen eine ausgezeichnete Gelegenheit für Forschung und Modellierung. Wir müssen unser Wissen über bestäubende Insekten auf der Südhalbkugel erweitern, etwa bei deren Vielfalt, lokalen Verbreitung und Faktoren, die sie in Zukunft beeinflussen werden. Auf internationaler Ebene würden ein integrierter Forschungsaustausch und eine Forschungsausbildung junger Schüler und Studenten große Chancen bieten, zu gewährleisten, dass die nächsten Generationen diese wichtige Arbeit fortsetzen können.

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Wir müssen mehr darüber lernen, wie Tiere und Nahrungsmittelproduktion nebeneinander existieren können.“
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Der Umweltschützer: Matt Shardlow, MPhil,
ist Vorstandsvorsitzender von Buglife, einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich dem Erhalt von Wirbellosen widmet. Das Unternehmen mit Sitz im Vereinigten Königreich ist auch im Ausland tätig, unter anderem auf Sankt Helena und Sri Lanka.

Creating Chemistry: Warum ist biologische Vielfalt wichtig? 

Matt Shardlow: Biologische Vielfalt ist unerlässlich, damit unser Planet funktioniert, und sie sichert den Fortbestand der Menschheit. Von der Landwirtschaft über die Fischerei bis hin zu Klima und Bodenfunktion – all diese Dinge sind auf ein gesundes, aus verschiedenen Arten bestehendes Ökosystem angewiesen. Und die meisten Arten sind Wirbellose: Regenwürmer, die den Boden düngen, Bienen, die Blumen bestäuben, Landasseln, die Blätter zersetzen. 
 

Welche Auswirkungen haben menschliche Aktivitäten auf die Insektenbestände?

Shardlow: Die Auswirkungen sind enorm. Viel mehr Arten nehmen ab als zu. Eine der ersten Hauptursachen für den Rückgang der Insekten ist es, dass Land als natürlicher Lebensraum in Agrarfläche umgewandelt wird, die eine wesentlich geringere Artenvielfalt unterstützt. Am Ende kommt dabei ein sogenannter Aussterbe Überhang heraus. Das bedeutet, dass einige Arten vielleicht noch immer in dem Fragment des Lebensraums überleben, den man übrig gelassen hat. Doch es mangelt dieser Population dann auf lange Sicht an der für ihren Fortbestand nötigen Vielfalt und Widerstandskraft. Sobald ein bestimmter Grad der Fragmentierung erreicht ist, sind einzelne Tiere nicht mehr in der Lage, zwischen diesen Fragmenten zu wandern, um sie neu zu besiedeln. Dadurch beginnen die Arten sich dahin zu entwickeln, dass sie überhaupt nicht mehr wandern. Sie werden verwundbar, wie Arten auf einer Insel. 
 

Was sind die anderen Ursachen?

Shardlow: Zu den bereits genannten Ursachen kommen der Klimawandel und die von uns produzierten Chemikalien hinzu. Der landwirtschaftliche Einsatz von Neonicotinoiden als Insektizide hat enorme Auswirkungen auf Bienen und andere Wildtiere in Europa, Asien und Amerika gehabt. Aber es gibt auch andere schädliche Substanzen, die wir auf dem Land einsetzen, von Flohmitteln für Haustiere bis hin zu Arzneimitteln für Menschen. 
 

Wie lässt sich der Rückgang umkehren?

Shardlow: Wir müssen Lebensräume wiederherstellen, die die Landschaft defragmentieren. Also dort wieder Korridore von Wildblumenwiesen anlegen, wo die intensive Landwirtschaft zu Gebieten mit zu wenig Wildblumen und Nistplätzen geführt hat, in denen die Arten sich vermehren und überleben können. Wir sollten sicherstellen, dass es sowohl für die Tierwelt als auch für den Menschen genügend Süßwasserressourcen gibt und dass das Wasser nicht stark verschmutzt ist. Wir möchten, dass die Verordnungen für Pflanzenschutzmittel geändert werden, um einen Markt zu schaffen, auf dem Pflanzenschutzmittel, die in kleinem Maßstab verwendet werden und spezifisch in ihrer Wirkung sind, gegenüber breit wirksamen Pflanzenschutzmitteln bevorzugt werden. Es gibt aber auch viele andere Ursachen. So bedroht beispielsweise die massive Einfuhr invasiver Arten durch Topfpflanzen und Erde, die rund um die Welt transportiert werden, die biologische Vielfalt erheblich. Als verantwortungsbewusste Bewahrer unseres Planeten sollten wir nicht nur Umweltschäden innerhalb der Grenzen unserer eigenen Länder verhindern – wir müssen auch sicherstellen, dass wir die Bedrohungen nicht exportieren. 
 

Wie kann die Landwirtschaft dazu beitragen, Insektenreichtum und -vielfalt zu erhöhen?

Shardlow: Die Landwirtschaft kann auf verschiedene Weise arbeiten, sei es mit regenerierenden oder ökologischen Ansätzen, die erwiesenermaßen geringere Auswirkungen auf die Tierwelt haben. In einigen der intensiver bewirtschafteten Länder gibt es Hinweise darauf, dass die Wiederherstellung wilder Lebensräume nicht nur mehr Raum für das Gedeihen der Tierwelt schafft. Sie sorgt auch für gesündere landwirtschaftliche Betriebe, die mehr Nahrung produzieren. Wir müssen mehr über das Verständnis für Methoden, Fertigkeiten und Wissenschaften rund um die nachhaltige Landwirtschaft lernen, wie Tiere und Nahrungsmittelproduktion nebeneinander existieren können. Es gibt riesige Trends in Bereichen wie pflugloser Bodenbearbeitung, Mehrfachanbau und Veränderung der Fruchtfolgen.
 

Sind Sie zuversichtlich, dass uns das gelingt?

Shardlow: Ich bin Umweltschützer, also muss ich optimistisch sein; sonst würde ich nicht weiter versuchen, das Aussterben zu stoppen. Ich denke, wir erleben einen großen Wandel in der Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber wirbellosen Tieren. Die Menschen reagieren mit wachsender Sorge auf die Nachrichten über die Rückgänge. Wir erreichen einen Punkt, an dem die Regierungen dieses Thema nicht mehr ignorieren können.

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Insektenbestände schwanken von Natur aus; man braucht also viel Zeit, um das Gesamtbild zu sehen.“
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Der quantitative Ökologe: James Bell, PhD,
ist Leiter der Rothamsted Insect Survey bei Rothamsted Research in Harpenden/England. Sein Fachgebiet ist die Überwachung und Kontrolle von Insektenpopulationen und die Modellierung von Migrationstrends.

Creating Chemistry: Wie viele Insektenarten gibt es ungefähr?

James Bell: Die kurze Antwort ist, dass wir es nicht mit absoluter Sicherheit wissen. Bislang gibt es 1,2 Millionen katalogisierte Insektenarten. Alles darüber hinaus sind nur wilde Vermutungen. Eine konservative Schätzung wäre 5,5 Millionen, aber die Wahrheit ist, dass wir an Orten wie Borneo immer noch kaum an der Oberfläche gekratzt haben. 
 

Wie zählen Sie Insektenbestände?

Bell: Es ist nicht einfach, besonders in Umgebungen wie Tropenwäldern, in denen es viele verschiedene Arten von Lebensräumen gibt, wie zum Beispiel den Boden, das Laubstreu, krautige Pflanzen, Stämme und Baumkronendächer. Eine Methode zur Messung der absoluten Zahlen besteht darin, ein Quadrat zu ziehen, um einen festen Bereich in einer bekannten Größe abzugrenzen, und alle Insekten, die man findet, zu entfernen und zu zählen. Das ist jedoch sehr arbeitsintensiv. Deshalb werden Relativmethoden oder Unterstichproben verwendet, um die Dinge zu beschleunigen. Zum Beispiel stellt man ein Absauggerät auf den Boden und zieht alles in ein Netz. Innerhalb von Sekunden kann man große Mengen von Insekten sammeln. Aber in einem Wald könnte man diese Methode nicht anwenden. Stattdessen könnte hier eine zeitgesteuerte Suche, Astschneiden oder eine Verneblung erforderlich sein.
 

Wie schätzen Sie die absolute Dichte?

Bell: Man muss mehrere Methoden verwenden, die dafür geeignet sind, pro Einheitsfläche jeweils einen bestimmten Aspekt des Standorts zu erfassen. Das gleich große Quadrat kann nicht ohne Weiteres zur Stichprobenentnahme auf kahlem Boden verwendet werden, wo man Dutzende von Insekten sammeln kann, im Vergleich zum Oberboden oder Laubstreu, wo Tausende von Insekten gefangen werden könnten. Wir versuchen, eine Abwägung zwischen dem Aufwand und einer realistischen Stichprobe der Population zu treffen, die sich hochrechnen lässt, um absolut festzustellen, wie viele Insekten sich in einem Gebiet befinden. Die Ökologie ist so komplex, dass Kompromisse allgegenwärtig sind. 
 

In Deutschland hat eine Krefelder Studie kürzlich ergeben, dass die Biomasse bei Fluginsekten in nur 27 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen ist. Wie sieht das im Vergleich zu Ihrer Studie aus?

Bell: An der Krefelder Studie war eine große Zahl von Freiwilligen beteiligt, die ihre Daten Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt haben. Man vermutet, dass die Freiwilligen wiederholt zu vielen Orten gegangen sind und die Populationen 27 Jahre lang überwacht haben. Aber die meisten Orte wurden nur einmal aufgesucht, 20 wurden zweimal aufgesucht, und nur einer wurde vier Jahre lang regelmäßig aufgesucht. Daraus wurde eine Zeitreihe zur Biomasse bei Insekten zusammengesetzt. Es handelt sich hier nicht um Artenveränderungen, sondern um Änderungen des Gesamtprobengewichts in der untersuchten Insektengemeinschaft. Wir arbeiten anders, weil wir alle Blattläuse und größere Motten nach Arten bestimmen und viele andere Insektengruppen auch. Wir überwachen auch alle unsere Standorte täglich, einige davon seit mehr als 50 Jahren. Insektenbestände schwanken von Natur aus; man braucht also viel Zeit, um ein sinnvolles Ergebnis zu erhalten und das Gesamtbild zu sehen. 
 

Was haben Sie bei Ihrer Studie beobachtet?

Bell: Unsere Studie ist die längste standardisierte Zeitreihe zu wirbellosen Tieren weltweit. Wir berichten hauptsächlich über Blattläuse und Motten. Langfristig sinkt die Gesamtzahl der größeren Motten Großbritanniens um 28 Prozent. Auf der anderen Seite nimmt ein Drittel der Mottenarten zu. Ein Beispiel sind flechtenfressende Motten. Flechten reagieren sehr empfindlich auf Umweltverschmutzung und Gesetze zur Luftreinhaltung führen dazu, dass es mehr Flechten gibt. Die Zahl einiger dieser Motten ist seit den Luftreinhaltungsgesetzen des Vereinigten Königreichs in den 1990er-Jahren um über 1.000 Prozent gestiegen. Es lassen sich also ein paar Erfolgsgeschichten finden.
 

Was ist mit anderen Arten?

Bell: Je nach Modell variieren die Schätzungen für Blattläuse zwischen einem Anstieg um 3 Prozent und einem Rückgang um 3,2 Prozent. Das ist nicht sehr viel. Schaut man sich die letzten 50 Jahre an, befinden sie sich in einem Zustand der Stabilität, wobei man akzeptiert, dass es in einigen Jahren zu einer Massenvermehrung kommen kann. In einer weiteren Studie haben wir an vier Standorten die Trends der Biomasse und nicht die Anzahl der Individuen untersucht. Wir fanden heraus, dass einer der Standorte einen Schwund verzeichnete. Aber das wurde durch den Rückgang einer sehr schweren Fliege – der Haarmücke – erklärt, die die Proben verzerrte.

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