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Ohne Idealwelt keine Innovation

Stefan Behnisch ist bekannt für seine nachhaltige Architektur. Gemeinsam mit seinem internationalen Team realisiert er weltweit Projekte, ohne den kulturellen, geographischen und politischen Kontext aus dem Auge zu verlieren. Der Architekt hat CORPUS Einblicke in seine Arbeit gewährt.

Der renommierte Architekt Stefan Behnisch gilt als Verfechter nachhaltiger Architektur. Die Teams von Behnisch Architekten mit Büros in Stuttgart, München und Boston verwandeln seine Visionen in Wirklichkeit – so wie zuletzt einen komplett aus Holz gebauten Konferenzsaal an der Place des Nations in Genf. Dass dieselbe Leidenschaft genauso auch in ein Parkhaus in Santa Monica fließt, beweist, dass es in den Augen von Stefan Behnisch keine trivialen Bauprojekte gibt. Vielmehr geht es immer darum, aus jeder Aufgabe das Beste zu machen. 

Im Gespräch mit CORPUS schildert der Architekt sein Verständnis von Nachhaltigkeit, seine Erwartungen an die Baumaterialien der Zukunft und warum es manchmal Sinn macht, wie ein Kind zu denken.

 

 

CORPUS: Herr Behnisch, was bedeutet für Sie nachhaltige Architektur?
 

STEFAN BEHNISCH: Der Begriff der Nachhaltigkeit kommt ursprünglich aus dem Forstbetrieb. Das ist ein bisschen wie das Sieben-Generationen-Prinzip der amerikanischen Indianer: Man soll nicht mehr aus dem Wald rausschlagen, als in der gleichen Zeit nachwachsen kann. Ich versuche es meinen Studenten immer so zu erläutern, dass wir uns letztendlich alle die Frage beantworten müssen: Hat es sich gelohnt, dass gebaut wurde? Denn jedes Gebäude greift in unsere Umwelt ein, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Wir müssen den Begriff der Nachhaltigkeit weiterfassen und um qualitative Aspekte, wie um Lebensqualität, kulturelle Qualität und Effizienz erweitern, aber auch unterschiedliche Kontexte wie Politik, Geografie und Kultur berücksichtigen. Sonst wird es uns nie gelingen, ein Gebäude zu bauen, das den Namen der Nachhaltigkeit tatsächlich verdient.
 

CORPUS: Welche Materialien unterstützen Ihre Vorstellung von zukunftsfähiger und nachhaltiger Architektur?

STEFAN BEHNISCH: Es gibt zum einen die offensichtlich nachhaltigen Materialien. Das sind vorhandene oder nachwachsende Ressourcen wie Holz, Stein und recycelte Materialien. Dann gibt es sogenannte Smart Materials, die zwar einen hohen grauen Energiewert haben, aber diesen durch ihr intelligentes Verhalten mehr als kompensieren. Nehmen wir beispielsweise Phase change materials (PCM), die sehr gut Energie speichern können, oder sehr leichte Materialien, die einfach zu transportieren sind und somit einen relativ geringen CO2-Fußabdruck besitzen. Es gibt große und spannende Entwicklungen mit hochdämmenden Materialen und Schäumen, die fest sind und gleichzeitig auch statische Funktionen übernehmen können.

1: Harmonisch fügt sich das neue Konferenzzentrum am Platz der Nationen in Genf in die bestehende Gebäudestruktur ein.
2: Das Gebäude für die zu den Vereinten Nationen gehörende Weltorganisation für geistiges Eigentum besteht fast ausschließlich aus Holz und bietet bis zu 1.000 Menschen Platz.

CORPUS: Mussten Sie sich bei dem Entwurf eines Gebäudes schon einmal zwischen Innovationspotenzial und Bezahlbarkeit entscheiden?

STEFAN BEHNISCH: Nun ja, bauen ist teuer und schlechte Häuser kosten in der Regel nicht weniger als gute Häuser. Und dumme Häuser sind auch nicht billiger als intelligente Häuser. Wenn wir ein Gebäude entwerfen, suchen wir erst einmal nach der Ideallösung. Diese Ideallösung wird dann auf Termine, Kosten, Statik und Machbarkeit überprüft. Es ist ganz wichtig, fürs Erste in einer Idealwelt zu verharren – ohne dieses Verharren würde nie Innovation entstehen können. Denn Innovation ist per definitionem erst einmal realitätsfern, denn es gibt keine Erfahrungswerte.

Die Fassade der Deutschlandzentrale von Unilever in der Hamburger HafenCity besteht aus einer Kunststofffolie, die aufgrund ihrer hohen Licht- und Luftdurchlässigkeit vielfach Anwendung in der Architektur findet.

CORPUS: Ist in dieser Idealwelt die Wahl des Baumaterials auch schon konkret?
 

STEFAN BEHNISCH: In dieser Idealwelt ist die Spezifikation schon konkret, sprich es ist definiert, was diese Materialien leisten müssen. Wir führen die Diskussion so, dass wir sagen: „Wäre es nicht toll, wenn …“. In etwa so, wie wenn Kinder spielen. „Wäre es nicht toll, wenn dieses Material oder jene Fassade diese oder jene Bedingungen erfüllen könnte?“ Wir sind keine Architekten, die erst einmal durch den Bauteilkatalog blättern, um zu schauen, was der Markt zu bieten hat. Wir fragen uns: „Was muss das Material leisten?" Anschließend sehen wir uns auf dem Markt um, ob es dort schon etwas Sinnvolles gibt. Ist das nicht der Fall, arbeiten wir oft und gerne mit Firmen zusammen, um diese Dinge weiterzuentwickeln, oder wir wenden vorhandene Materialien sachfremd an.

Alle verwendeten Materialien wurden ausgewählt, um eine ökologische, ökonomische und sozial nachhaltige Umwelt zu schaffen.
Durch die großen Fensterfronten und Oberlichter gelangt reichlich Tageslicht in den Konferenzsaal.

CORPUS: Können Sie einen persönlichen Favoriten unter den Baustoffen benennen?

STEFAN BEHNISCH: Jein. Je nach Bauaufgabe. Wir haben gerade in Genf für eine UNO-Abteilung, die World Intellectual Property Organisation, einen großen Konferenzsaal für knapp 1.000 Menschen komplett aus Holz gebaut. Es ist schon ein spannender Baustoff, der zweifelsohne über hohe qualitative, verantwortungsvolle und dazu sympathische Eigenschaften verfügt. Für ein Konferenzzentrum dieser Art ist er unheimlich gut geeignet, da er ein Barackenklima herstellt. Das bedeutet, dass ich den gesamten Gebäudekomplex schnell aufheizen oder abkühlen lassen kann. Holz ist ein sehr geeigneter Baustoff für eine bestimmte Gebäude- oder Nutzungsaufgabe. Gleichzeitig bin ich aber auch sehr interessiert an Hightech-Stoffen. Ich wünsche mir, mit einer Firma ein Sandwich-Paneel für eine Fassade entwickeln zu können, das nicht nur statische Bedingungen erfüllt, sondern auch hochdämmend ist und gleichzeitig als Phase change material einen hohen Wärme- und Kältespeicherwert hat. Für das Bostoner Projekt Artists for Humanity probieren wir so etwas. Es gibt viele Materialien, die einige dieser Aspekte erfüllen können, aber leider gibt es noch keines, das alle erfüllt.

Wir sind keine Architekten, die erst einmal durch den Bauteilkatalog blättern, um zu schauen, was der Markt zu bieten hat. Wir fragen uns: Was muss das Material leisten?

Stephan Behnisch
Kurzbiographie Stefan Behnisch, geboren 1957 in Stuttgart, studierte Philosophie und Volkswirtschaft in München und Architektur an der Universität Karlsruhe. Nach seinem Diplom der Architektur 1987 stieg er in das von seinem Vater Günter Behnisch geleitete Büro Behnisch & Partner in Stuttgart-Sillenbuch ein. Zwei Jahre später wurde ein Zweigbüro in der Stuttgarter Innenstadt gegründet. Unter dem eigenständigen Namen Behnisch Architekten folgten u. a. Niederlassungen in Boston und München. Stefan Behnisch wurde 2007 der Global Award für nachhaltige Architektur verliehen, 2009 erhielt er den Good Design Award.

CORPUS: Gibt es einen architektonischen Traum oder eine kühne Idee, die Sie irgendwann noch einmal umsetzen wollen?

STEFAN BEHNISCH: Eigentlich konnte ich immer das machen, was ich wollte. Wahrscheinlich bin ich nicht so ein arger Träumer. Es ist natürlich auch möglich, dass ich ein Pragmatiker bin und im Laufe der Zeit meine Wünsche immer entsprechend angepasst habe. Aber liebend gerne würde ich mal ein Frauenhaus in Saudi-Arabien bauen. Aus jeder Bauaufgabe das Beste zu machen, finde ich ziemlich gut und anstrengend – aber auch sehr befriedigend. Wir haben neulich in Santa Monica, Kalifornien, eine Parkgarage realisiert. Da sagte jeder zu mir: Spinnst Du? Aber es gibt keine trivialen Bauaufgaben, es gibt nur trivial exekutierte Bauaufgaben. So hat jedes Bauprojekt für mich seinen Reiz.

CORPUS: Herr Behnisch, wir bedanken uns für das Gespräch.

 

 

Fotos: Jörg Autermann / Christof Jantzen / David Matthiessen / Adam Mørk

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