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Living in a box

Wenn Wohnraum in den Stadtzentren knapp wird und kaum noch bezahlbar ist, müssen neue Ideen her. So wie die des Architekten Travis Price: Aus ausgedienten Schiffscontainern entwarf er ein Wohnheim für bis zu 24 Studenten – mitten im Universitätsviertel von Washington.

Die Urbanisierung ist ein Megatrend, der uns bereits seit mehr als einem Jahrhundert begleitet und in Zukunft weiter herausfordern wird. Die OECD erwartet, dass 2050 zwei Drittel aller Menschen in Städten leben werden. Heute machen Metropolen nur drei Prozent der Erdoberfläche aus, verbrauchen jedoch drei Viertel aller Ressourcen. Zugleich ist der urbane Raum Innovationstreiber für visionäre Projekte und nachhaltige Wohnraumkonzepte. Denn es gilt, trotz zukünftig immer geringerer Freiflächen das Zusammenleben einer weiter wachsenden, heterogenen Gesellschaft zu gestalten – unter sozialen genauso wie unter ökologischen Aspekten.

Cargotecture ist einer der weltweit zukunftsweisenden Trends in bevölkerungsreichen Metropolen: Ausgediente Frachtcontainer werden in modernen Wohnraum umgestaltet. Der Architekt Travis Price ist Ideengeber für ein solches Projekt in Washington, D. C., das Studenten eine individuelle und kostengünstige Wohnraumalternative bieten soll. Ein Konzept, in dem viel Zukunftsmusik steckt.

1: Komfortablen Wohnraum auf kleinster Fläche schaffen – eine Herausforderung, vor die uns wachsende Städte jetzt und künftig stellen.
2: Eine mögliche Lösung: Modulare Gebäude aus ausgedienten Schiffscontainern.
3: In Washington, D.C. ist nach diesem Prinzip eine Studentenunterkunft mit 18 Einzelappartements auf drei Etagen entstanden.
4: Mit anderen Baustoffen kombiniert werden, die ausgedienten Container zu zeitgemäßen Wohnräumen.

12 Meter lang, 2,30 Meter breit und 2,30 Meter hoch – das sind die ungefähren Innenmaße eines 40-Fuß-Standardcontainers, wie er millionenfach auf den Weltmeeren unterwegs ist. Im Rahmen von Cargotecture-Projekten verwandeln sich die Transportboxen für ihr „zweites Leben“ in moderne Wohnmodule mit einer Grundfläche von ca. 27 m² – Variationsmöglichkeiten nach dem Baukasten-Prinzip inklusive. In der Washingtoner Nachbarschaft Brookland, nahe der Catholic University of America, entstand auf diese Weise im Sommer 2014 ein Studentenwohnhaus mit 18 Einzelappartements auf drei Etagen.

Mithilfe von Wärmedämmung, Schallisolierung sowie einer Innenverkleidung aus Holz wuchsen aus ausgedienten Frachtcontainern aus dem Hafen Baltimores kleine Appartements, die modernes Design und Go-Green-Mentalität vereinen: statt zu verschrotten, wird auf originelle Weise Lebensraum geschaffen. Für viel Tageslicht sorgt der Einsatz von Glaselementen, die in der Kombination mit Holz und dem Grundmaterial Stahl eine Facette zeitgemäßer, urbaner Architektur abbilden. Das Projekt verdeutlicht, wie ökologisch und ökonomisch innovativer Wohnraum in Städten mit nur wenigen Freiflächen entstehen kann. Der Baustoff für ähnliche Konzepte ist ausreichend vorhanden: Allein in den USA warten rund 700.000 Container auf neue Einsatzmöglichkeiten.

Die Archäologie von morgen ist die Architektur von heute.

Travis Price


Cargotecture-Vorhaben wie das von Travis Price sind auch in anderen Metropolen wie München, Berlin oder Amsterdam zu finden. Container werden zu Appartements, Cafés, Restaurants, Hotels oder Büroflächen umfunktioniert. Sie sind damit Teil des so genannten Microhousing-Trends, der aus der Not immer geringerer städtischer Flächenressourcen geboren ist. Microhousing im Allgemeinen und Cargotecture im Speziellen fügt sich in andere Gestaltungskonzepte ein, die das Motto „Go Green“ nicht als unvereinbar mit der Ästhetik und den räumlichen Gegebenheiten der Großstadt sehen. Urban Gardening oder die so genannte Restoration Economy machen es vor. Letztere nutzt z. B. vorhandene Gebäude um und wertet diese ökologisch auf.

Zukünftiger Trend: Nicht die Quadratmeterzahl zählt, sondern Anbindung und Komfort.

Eine Bauplanung, die in Bezug auf Ökologie, Zweckmäßigkeit, Flexibilität und Design aktuelle Ansprüche erfüllen will, benötigt entsprechend entwickelte Baustoffe. Eine moderne Schall- oder Wärmedämmung muss längst nicht mehr nur Energie, sondern auch Platz einsparen. Die Entwicklung solcher Materialien ist mit entscheidend dafür, ob originelle Konzepte wie z. B. Cargotecture auch in der Breite zukunftsfähig sind. Denn erst sie machen aus vier Stahlwänden mit Boden und Decke ein komfortables und bewohnbares Zuhause.

Nicht nur aus bauplanerischer Sicht ist das Microhousing eine ernstzunehmende Alternative für das städtische Leben der Zukunft. Auch infrastrukturell fördern Mini-Wohneinheiten einen nachhaltigen Lebensstil: Wer ein bezahlbares und dennoch zentral gelegenes Appartement in der Stadt bewohnt, nutzt mit größerer Wahrscheinlichkeit das öffentliche Verkehrsnetz, das Fahrrad oder geht zu Fuß. Klar ist, dass die Ballungsräume in den nächsten Jahrzehnten eine Schlüsselrolle für den Ressourcenschutz spielen werden. Innovative Ideen und Projekte wie das von Travis Price in Washington, D. C. deuten einen der Wege in die Stadt der Zukunft an.

Holz und viel Glas als Gegenspieler zum Kernelement Stahl verleihen dem Cargotecture-Gebäude Wärme und Leichtigkeit.

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