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Series: City of the Future 

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Mit Blick nach vorn – Die Kunst, moderne Städte zu planen


Wie soll die Stadt der Zukunft aussehen? Dieser Frage, die so zentral für unser Zusammenleben ist, widmen wir ab sofort eine eigene Serie. Sie soll unterschiedlichen Perspektiven, Ansätzen und Meinungen Raum geben. Zum Auftakt sprechen wir mit dem Architekten und Stadtplaner Prof. Christoph Mäckler über Ästhetik, Individualität und die Frage, ob das Rad wirklich immer komplett neu erfunden werden muss.

Professor Mäckler, Sie haben 2008 das Deutsche Institut für Stadtbaukunst gegründet. Weshalb sind Sie diesen Schritt gegangen? 

Weil wir meiner Ansicht nach keinen vernünftigen Städtebau in Deutschland mehr haben. Die Städteplanung bearbeitet vorwiegend die Bauleitplanung und die Architekten ihre Häuser. Die Idee war, dass Architektur und Planung wieder städtisch gedacht werden müssen. Die Gesellschaft erwartet öffentliche Räume, Straßen, Plätze und Parks, in denen wir uns gerne aufhalten und leben möchten. Wir schaffen heute vorwiegend „Zwischenräume“ ohne uns über die Qualität eines Platzes oder einer Straße bewusst zu werden. Um politisch und auch inhaltlich diskutieren zu können, haben wir die Düsseldorfer Konferenz ins Leben gerufen. Hier treffen sich seit 10 Jahren Politiker, Stadtbauräte, Planungsamtsleiter, Architekten, Stadtplaner und Wissenschaftler zum Gespräch. 

Daraus hat sich die Düsseldorfer Erklärung entwickelt, in der Sie eine umfassende Änderung der Baunutzungsverordnung gefordert haben und die innerhalb der Branche neben Zustimmung auch Widerspruch ausgelöst hat. Inzwischen gibt es einen Konsens. Wie zufrieden sind Sie damit?

Der Stuttgarter Konsens ist entstanden, indem sich quasi alle Verbände unter der Leitung der Münchner Stadtbaurätin Prof. Elisabeth Merk getroffen haben, die sich in Deutschland mit Städtebau auseinandersetzen. Vom Deutschen Städtetag über die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) bis hin zum BDA. In dieser Konstellation haben wir die Düsseldorfer Erklärung sozusagen durchgearbeitet, um zu einem Konsens zu kommen, den wir in die Politik geben werden. Ein Konsens erfordert Kompromisse, das heißt einige Forderungen der Düsseldorfer Erklärung wurden verändert. Eine der ganz großen Differenzen war z.B. die Frage, wie dicht eine Stadt sein darf. Es gibt Dichteobergrenzen in der Baunutzungsverordnung, die dazu führen, dass wir eben keine Städte mehr bauen, sondern mehr oder weniger Siedlungsbau vor der Stadt betreiben. 

Opernturm in Frankfurt / Photo credits: Thomas Eicken

Goethe 34 in Frankfurt / Photo credits: hiepler, brunier

Zugrunde liegt dem auch die Frage, wie wir Städte in Zukunft gestalten wollen. Wie sieht Ihre idealtypische Stadt der Zukunft aus? 

Wir sollten nicht immer glauben, das Rad neu erfinden zu müssen. Ich warte aktuell eigentlich nur darauf, dass jemand die Corona City ausruft, was wirklich absurd wäre. Schon die Smart City ist absurd. Denn zuerst einmal braucht es Stadträume, in denen sich die Gesellschaft wohlfühlt. In Europa gibt es seit langer Zeit einen Städtebau, der eigentlich immer weitgehend in derselben Form stattgefunden hat: mit öffentlichen Räumen, Plätzen, Parks, Straßen und mit privaten Flächen und außerdem mit einer sozialen und funktionalen Mischung. Einen Städtebau, der mit schönen Straßenfassaden den städtischen Raum so gestaltet, dass man sich dort gerne aufhält und der eben auch eine besondere Dichte hat, damit dort viele Menschen leben können und so ein Stadtteil auch wirklich funktioniert. Bei allen Theorien, wie die Stadt der Zukunft aussehen müsste, kann man auch einfach schauen, was die Menschen eigentlich bevorzugen. Zum Beispiel, indem man sich die Grundstücks- und Immobilienpreise ansieht. Dann sehen Sie deutlich, welches die beliebtesten Viertel sind – Sie sind sofort in der Stadt der Gründerzeit. Die Gentrifizierung findet ja auch nicht in unseren Neubauvierteln statt, sondern in den Gründerzeitvierteln. Das heißt nicht, dass wir jetzt nur noch alte Häuser bauen. Sondern es bedeutet, dass wir lernen müssen, aus diesen Prinzipien des Städtebaus Dinge zu übernehmen, in unsere Zeit zu übertragen und unseren gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen. Dies realisieren wir beispielsweise in dem vom Frankfurter Planungsdezernenten Mike Josef initiierten neuen Quartier Römerhof.

Wenn es um wohlgestaltete, harmonische Städte geht, schränkt das nicht die Individualität des einzelnen Gestaltenden, des Architekten ein Stück ein? 

Das sehe ich gar nicht. Ich glaube schon, dass Architekten ein bisschen genauer hinsehen müssen, um zu verstehen, dass ihre Bauwerke eben keine aus dem Bauch heraus entwickelten Kunstwerke sind. Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag und wenn wir ein Bauwerk an einen Platz stellen, muss es in erster Linie die Bebauung an diesem Platz ergänzen und darf dem Ort nicht entgegenstehen. In Hamburg baut man anders als in München oder Paris! Beispielsweise ist in Berlin ein neues Bürogebäude entstanden – geknautscht und in blauem Glas – das keinerlei Rücksicht auf seine Umgebung nimmt. Allein das Spiegelglas ist unmenschlich abweisend und der Körper dieses Gebäudes macht den Menschen so klein, dass man sich fragen muss, ist das eigentlich sozial gedacht und müssten wir nicht viel mehr für den Menschen bauen?

Ähnliche Fragen stellten sich auch bei der Neugestaltung des Dom-Römer-Quartiers in Frankfurt, an der Sie als Vorsitzender des Gestaltungsbeirats beteiligt waren. Können Prozess und Projekt Vorbild für ähnliche Vorhaben sein?

Auf alle Fälle. Ich glaube, diese Planung könnte Vorbild sein für all das, was wir an Stadtquartieren oder Neuplanung entwickeln, weil die Frankfurter Politik sich hier wirklich Gedanken gemacht hat. Es wurde genau überlegt, welche Nutzungen beispielsweise im Zentrum zwischen Dom und Römer erforderlich sind. In diesem Fall ein gemischtes Stadtquartier mit Wohnen, Arbeiten und Läden. Es gab eine Gestaltungssatzung, einen Gestaltungsbeirat, einen Sonderausschuss, an den sich jeder Bürger der Stadt wenden konnte und schließlich einen Architektenwettbewerb. Darüber hinaus gab es eine eigene städtische Gesellschaft, die den Planungsprozess begleitet und beschleunigt hat. Diese Gesellschaft unterstand der Politik mit einem Aufsichtsrat, der durch den Oberbürgermeister, den Planungsdezernenten und Vertreter jeder Partei aus dem Magistrat besetzt war. Der Gestaltungsbeirat hat beraten, aber entschieden hat dieses politische Gremium. Diese Intensität des Prozesses und die Beobachtung durch ein solches politisches Gremium, müssten wir für Neuplanungen von Stadtvierteln dringend aufbringen.

„Es gibt Dichteobergrenzen, die dazu führen, dass wir eben keine Städte mehr bauen, sondern mehr oder weniger Siedlungsbau vor der Stadt betreiben.“

Prof. Mäckler

Bleiben Sie in Verbindung. 

Luftbild Römerhof / Deutsches Institut für Stadtbaukunst

Sind die Menschen in Frankfurt denn glücklich mit dem neuen Quartier?

Zu Beginn gab es kritische Stimmen, die inzwischen alle verstummt sind. In der Bevölkerung hat das Quartier einen hohen Stellenwert. Das hat einfach damit zu tun, dass die Häuser eine schöne Straßenfassade haben und dass sie sich wunderbar zu einem Bild zusammenfügen – es sind unter den 35 Häusern 20 Neubauten, nicht nur rekonstruierte Fachwerkhäuser. Wenn Sie dort sitzen, macht das einfach Spaß – da brauchen Sie nicht mehr in die Toskana zu fahren. Noch mal: ich bin kein Häuslebauer, aber wenn wir aus diesem Quartier etwas lernen können, dann dass es für die Öffentlichkeit egal ist, wie die Häuser im Inneren aussehen, das interessiert nur die Leute, die dort wohnen. Aber der öffentliche Bereich, die Gassen und Plätze, die dort entstanden sind, erfreuen sich höchster Beliebtheit. Weit über Frankfurt hinaus.

Perspektive Römerhof / Deutsches Institut für Stadtbaukunst

CORPUS: Herr. Mäckler, vielen Dank für das Interview.

CHM Geschäftsführer Christoph Mäckler, Claudia Gruchow, Thomas Mayer, Mischa Bosch

1981 wurde das Büro für Architektur und Stadtbereichsplanung von Prof. Christoph Mäckler in Frankfurt gegründet. Aus den bescheidenen Anfängen entwickelte sich in wenigen Jahren eine weit über Frankfurt hinaus bekannte Adresse für Architektur und Städtebau.

Im nächsten Teil unserer Serie beschäftigen wir uns mit dem Konzept der 20-Minute-Neighbourhoods und mit der Frage, warum Erreichbarkeit ein zentraler Aspekt urbaner Lebensqualität ist.

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