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Neue Maßstäbe

Wohnen auf wenig Raum: Tiny House-Konzepte sind im Trend – und besonders in Städten aufgrund von Platzmangel und hohen Quadratmeterpreisen mehr als notwendig. Je nach Lebensrealität finden Menschen hier die ersehnten eigenen vier Wände, ein autarkes Wohnerlebnis oder Minimalismus nach eigenen Maßstäben.

 

Wie viel Raum brauchen wir zum Leben – und auf wie viel Raum wollen wir wohnen? Weltweit betrachtet würde diese Frage sicherlich sehr unterschiedlich beantwortet. In Hongkong, dem teuersten Mietmarkt der Welt, stellt sie sich oft gar nicht erst. Gelebt wird, wo Platz ist. Viel ist es nicht: Erschwinglicher Wohnraum ist knapp, die durchschnittliche Wohnungsgröße in der asiatischen Metropole sinkt. 2017 waren 30 Prozent der mehr als 17.000 neu gebauten Appartements kleiner als 40 Quadratmeter, 2018 wird mit einer Quote von 43 Prozent gerechnet. Die Bewohner der zahlreichen Sozialwohnungskomplexe Hongkongs leben durchschnittlich sogar auf nicht einmal 13 Quadratmetern. Eine Entwicklung, die Architekten neue Wege suchen lässt: Sie erschaffen Tiny Homes, in denen jeder Zentimeter durchdacht ist, jedes Möbelstück eine Funktion erfüllt und sich dank eines cleveren Designkonzepts selbst die Wohnatmosphäre mit der großer Apartments messen kann. Der Architekt James Law hat eine ganz neue Art von Tiny Houses entwickelt – Betonrohre, die eigentlich für Wasser gedacht sind. Mit einem Durchmesser von 2,5 Metern bietet die neue Wohnidee etwas mehr als neun Quadratmeter flexibel anpassbaren Wohn- und Schlafraum, einen Kochbereich sowie ein winziges Bad. Besonders ausgeklügelt: Die Wohneinheiten lassen sich modular stapeln, und können so z. B. ohne großen Bauaufwand zu einem ganzen Gebäude zusammengefügt und in Baulücken, aber auch unter Brücken oder in Hinterhöfen, eingesetzt werden. Was bisher nur als Experiment läuft, setzt trotzdem ein Zeichen in Bezug auf die Wohnraumentwicklung: Immer weniger Bewohner Hongkongs können sich eine Wohnung leisten – sogenannte Nano-Apartments mit 15 bis 35 Quadratmeter Wohnfläche haben Hochkonjunktur. Der Durchschnittswert einer Immobilie liegt beim 19,4-Fachen eines mittleren jährlichen Einkommens und verdoppelt damit sogar den Londoner Wert, der bei 8,5 liegt.

Ein Experiment für kostengünstiges Wohnen auf wenig Raum: Opod Tube Housing. Die stapelbaren Betonrohre bieten von der platzsparenden Einrichtung bis hin zum Miniaturbadezimmer alles nötige für ein Leben auf 9 Quadratmetern. (Credits: James Law Cybertecture)

Platzsparende Wohnkonzepte sind auch andernorts im Kommen: Während die Pro-Kopf-Wohnfläche z. B. im Gesamtraum Deutschland zwar steigt, müssen Großstädte wie München und Hamburg Einfallsreichtum beweisen, um die wachsende Zahl an Wohnungsanwärtern unterzubringen. Im Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg wurde kürzlich „Woodie“ errichtet: Das Studentenwohnheim konnte dank seiner Holzmodulbauweise schnell aufgebaut und bezugsfertig gemacht werden. Dabei sind alle 371 Zimmer komplett aus Holz gefertigt und orientieren sich in ihrer Form an Containern. Eine Sockelkonstruktion aus Stahlbeton sorgt für die nötige Stabilität. Das vielseitige Nutzungskonzept des sogenannten „Universal Design Quartiers“ ermöglicht eine einfache Umgestaltung der Gebäudeteile – so kann auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie den demographischen Wandel reagiert werden. Denn wenn sich der aktuelle Bedarf an einzelnen, praktisch gestalteten und bereits möblierten Studentenwohneinheiten verändern sollte, lässt sich Woodie in Kürze z. B. in eine Seniorenwohnanlage mit variablen Wohnflächen umstrukturieren.

Das Woodie in Wilhelmsburg hält was der Name verspricht: Nicht nur die Fassaden, auch seine 371 Zimmer bestehen aus jeder Menge Holz. Die Wohneinheiten des Studentenwohnheims sind bereits als vorgefertigte Korpusse in Containerform in Hamburg angekommen – so konnte die Bauzeit besonders kurz gehalten werden. (Credits: Jörg Autermann)

Doch kluges Wohnen auf wenig Raum entsteht nicht immer aus Platzmangel: Oft sind der Wunsch nach Selbstständigkeit, den eigenen vier Wänden, oder die Idee, nicht immer am selben Ort leben zu wollen ausschlaggebend. Moderne Tiny Homes, kleine Häuser, bieten genügend Platz zum Atmen – auf so wenig Raum wie nötig. Die Architektin und Designerin Vina Lustado hat sich so ihren Lebenstraum erfüllt. Auf einem Grundstück in Ojai, zwei Stunden nördlich von Los Angeles, errichtete Lustado in etwas mehr als einem Jahr Bauzeit „Vina’s Tiny House“. Und kann hier im wahrsten Sinne des Wortes nach ihren eigenen Maßstäben leben: bescheiden, nachhaltig und doch mit allem, was sie sich zum Wohnen und Arbeiten wünscht. Nahezu standortunabhängig. Wer sich von dieser Eigenständigkeit inspiriert fühlt, kann von Lustados Firma Sol Haus Design sogar die optimierten Designpläne inklusive Material- und Kostenliste erwerben – nachmachen erwünscht.

Architektin und Designerin Vina Lustado wollte nach ihren eigenen Maßstäben leben – und baute sich ein Tiny House in Ojai, Kalifornien. Hier kann sie nachhaltig und bescheiden wohnen und arbeiten – und bietet das Design ihres Minihauses sogar zum Verkauf an. (Credits: Sol Haus Design/Eileen Descallar Ringwald/Chibi Moku)

Wenn es um Wohnort-Flexibilität ohne Eigenbau geht, bieten Konzepte wie die Ecocapsule die optimale Zwischenlösung: Als fertiginstallierte Tiny Homes vereinen sie Komfort und Mobilität mit modernster Technik und der Möglichkeit zur Selbstversorgung. Energiesparendes Design, ein duales System zur Stromerzeugung verbunden mit mehreren Hochleistungsbatterien und eine Wasserauffang- und Filtervorrichtung machen das Leben zeitweise sogar ohne Zugang zur Infrastruktur möglich. Dazu ist ein Umzug denkbar unkompliziert: Der Transport der Ecocapsule ist nicht nur im Standard-Schiffscontainer möglich, sie lässt sich auf einem Autoanhänger auch in einen Wohnwagen verwandeln. In ganz entlegene Landschaften oder auf stabile Hausdächer lässt sich das ufoähnliche Minihaus auch mit dem Helikopter fliegen. Voraussetzung für diese Art des Microhousing bleibt neben der Finanzierung nur die nötige Wohnerlaubnis – oder eben das eigene Grundstück.

Dank smarter Technik und Selbstversorgungskonzept lässt sich in der Ecocapsule – zumindest für einige Zeit – völlig standortunabhängig leben. 4,67 Meter lang und 2,50 Meter hoch nimmt das Micro House nicht viel Platz ein: Selbst dann nicht, wenn die angeschlossene Windturbine noch weitere zwei Meter in die Höhe ragt. Fehlt nur noch der passende „Parkplatz“. (Credits: Ecocapsule Holding)

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