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Zwei Zimmer für die Zukunft

Hängt die Wohnqualität von der Quadratmeterzahl ab? Nicht, wenn es nach den Architekten von CBAG studio geht: Sie haben die zwei Zimmer einer Berliner Familie so umgestaltet, dass der Raum optimal genutzt wird. Experten geben ihnen Recht – die zunehmende Verdichtung in den Städten verlangt ein Umdenken.

Die Preise für Wohneigentum kennen in deutschen Großstädten derzeit nur eine Richtung: mit hohem Tempo nach oben. Parallel dazu steigen die Mieten. In Berlin etwa müssen Käufer quer über alle Stadtteile mit einem Durchschnittspreis von 2.500 Euro pro Quadratmeter kalkulieren – ein Anstieg von knapp 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In innenstadtnahen Top-Lagen kann jedoch schnell das Doppelte und mehr fällig werden.

Diese Entwicklung wird durch einen weiteren Trend begleitet: Die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, die Investoren nach zum Teil aufwändiger Sanierung noch immer hohe Renditen verspricht. Die Zahl der um­gewandelten Objekte stieg in nur einem Jahr um fast 25 Prozent. Ganz vorne dabei: Die angesagten Bezirke Friedrichshain, Neukölln, Charlottenburg. Und Prenzlauer Berg. Hier wohnen auch Andreas und Katrin mit ihrem Sohn Anton in einer kleinen Eigentumswohnung. Sympathischer Kiez, hohe Lebensqualität – die Freunde sind hier, die Kita auch. Und doch stand ein Umzug im Raum. Die Familie lebt in zwei Zimmern, Küche, Bad.

Eine Zwei-Zimmer-Wohnung wandelt sich: Am Anfang stand der Einriss der Trockenbauwand, um Platz für Neues zu schaffen.

Dabei wird es langsam Zeit, dass Anton sein eigenes Zimmer bekommt. Was also tun? Die Wohnung vermieten und selbst woanders zur Miete einziehen? Verkaufen und den Ge­winn in eine größere Wohnung mit drei oder vier Zimmern investieren? Beides überzeugte das junge Paar nicht. Denn durch die rasante Entwicklung am Berliner Wohnungsmarkt hätten sie in „ihrem“ Kiez bei einem Umzug künftig deutlich mehr zahlen müssen.

Berlin wächst. In den vergangenen drei Jahren sind rund 135.000 neue Einwohner in die deutsche Hauptstadt gezogen und haben sie auf 3,5 Millionen Menschen anwachsen lassen. Ein Trend, der zahlreichen Prognosen zufolge anhalten wird. Entsprechend wird der Bedarf an zusätzlichem Wohnraum auf etwa 125.000 Einheiten geschätzt. Tatsächlich gebaut wird nur ein Bruchteil davon – im Jahr 2014 nicht einmal 9.000 Einfamilienhäuser und Wohnungen. Leerstand ist kaum existent, er liegt bei weniger als zwei Prozent. All das lässt für Experten nur eine Entwicklung zu: Der Wohnraum pro Person wird mittel- und langfristig sinken. In Berlin liegt er heute noch bei vergleichsweise komfortablen 35 Quadratmetern. In London dagegen bei 25 und in New York sogar bei nur 15. Nur, wenn wir alle mit weniger Fläche Vorlieb nehmen, wird zentrumsnahes Wohnen auch künftig für breite Bevölkerungs­schichten möglich sein. Möglich heißt hier vor allem bezahlbar.

1: Mut zur Veränderung – die Küche macht Platz für das Kinderzimmer.
2: Eine Frage der Ideen: Das Potenzial eines Raumes ist fast unendlich, je nachdem wie gut man ihn nutzt.
3: Die Architekten von CBAG studio denken neue Raumkonzepte: Ist die Bereitschaft da, anders zu wohnen?
4: Industrieller Charme: Der Schlafkubus entsteht aus Grobspanplatten – sie sind kostengünstig, platz­sparend und passen doch zur Einrichtung.


 


Auch für Andreas und Katrin ist diese Bereitschaft zum „Weniger“ die Lösung ihres Dilemmas. Wie viele andere wollten sie dabei aber wenig Fläche nicht mit wenig Komfort gleichsetzen – also waren neue Ideen und gute Planung gefragt. Beides kam von Christina Beaumont und Achim Gergen vom Architekturbüro CBAG studio. Nicht etwa in der Boom-Stadt Berlin, sondern im beschaulichen Saarlouis haben sich die beiden vor acht Jahren selbständig gemacht. Durchaus ein Kontrast nach Stationen bei Architektur-Stars wie der kürzlich verstorbenen wie Zaha Hadid und dem Niederländer Rem Koolhaas. Aber: So sind sie freier – auch, weil sie es sich nach überstandener Startphase heute leisten können, nur solche Projekte anzunehmen, die sie inhaltlich reizen. So wie die Raumerweiterung auf kleiner Fläche in Prenzlauer Berg.

1: Neuer Wohnraum bedeutet nicht zwangsläufig Neubau: Durch das Versetzen der Wände wurde die Rolle der Räume neu gedacht.
2: Der Schlafkubus ist mehr Möbelstück als Schlafzimmer.


 


Hier haben die beiden Architekten die Nutzung der einzelnen Zimmer einmal durcheinandergewürfelt. Die bisherige Küche wird zum Kinderzimmer für Anton, dafür wird eine offene Küche in das Wohnzimmer integriert, das wiederum mit dem bisherigen Schlafzimmer zusammengelegt wird. Aber wenn die Eltern nicht mitten im Wohn- und Essbereich schlafen wollen, ist das noch nicht die ganze Lösung.

Die bietet zusammen mit mehreren schlauen Einbauten ein geschlossener Schlafkubus, der in den neu entstandenen großen Raum integriert wird: Darin ist Platz für das Bett und jeweils 35 Zentimeter freie Fläche rechts und links davon. Klingt nicht nach viel, reicht den beiden aber völlig aus. Ein bisschen Aufgeschlossenheit, sogar Kompromissbereitschaft braucht es dafür sicher. Letztlich läuft es laut den Architekten Beaumont und Gergen ohnehin auf eine einzige Frage hinaus: Sind wir bereit, künftig ein bisschen anders zu wohnen?

» Es ist Wahnsinn, wie viel Potenzial ein Raum hat – je nachdem, wie man ihn bespielt.«

Christina Beaumont


 


 


 


 

1: Vor dem Umbau stand der Test: Wie klein ist groß genug? Der Schlafkubus bietet 35 cm Platz rechts und links vom Bett.
2: Die Küche macht Platz für ein Kinderzimmer und ist nun in den Wohn- und Essbereich integriert.
3: Weitere Wohnelemente entstehen aus den OSB-Platten: Ein integriertes Kleiderschranksystem, eine abdeckbare Arbeitsgelegenheit und eine Sitzecke.

Wohntraum auf wenig Raum

Mit Kompromissbereitschaft zu mehr Platz in den eigenen vier Wänden.