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Schwimmende Städte – Utopie oder Zukunft?

Der erwartete Anstieg der Meeresspiegel ist neben der Häufung von extremen Wetterereignissen einer der meistgefürchteten Effekte des Klimawandels. Die Erwärmung der Erde um ein halbes Grad ließ die Ozeane während des letzten Jahrhunderts um 20 Zentimeter steigen. Das mag beim Blick vor die eigene Haustür nicht viel erscheinen – doch für Küstenbewohner und Inselstaaten wird die Suche nach Lösungen drängender. Schwimmende Städte könnten eine davon sein.

Das Thema und vor allem die Sorgen der betroffenen Regionen sind nicht neu. Bereits vor zehn Jahren hielt das Kabinett der Malediven eine Sondersitzung unter Wasser ab und appellierte damit an die Weltgemeinschaft, den CO2-Ausstoß zu drosseln. Die Botschaft war klar: Uns steht das Wasser bis zum Hals. Und tatsächlich droht die Inselgruppe durch den Meeresspiegelanstieg noch in diesem Jahrhundert unbewohnbar zu werden – schon erneut 20 Zentimeter könnten dafür reichen. In einer ähnlichen Lage befindet sich Französisch-Polynesien, etwa auf halber Strecke zwischen Australien und Südamerika im Pazifik gelegen. Viele der insgesamt 118 Inseln und Atolle sind bereits akut bedroht. Aus diesem Grund hatte sich die Regierung entschlossen, eine Kooperation mit dem in Kalifornien ansässigen Seasteading Institute einzugehen. Dessen Vision: Eine Besiedlung der Ozeane mithilfe schwimmender Städte, von denen die erste in Französisch-Polynesien Realität werden sollte.

Zwar ist das Projekt inzwischen gestoppt, was aber nicht heißt, dass die Idee von der schwimmenden Stadt gestorben wäre. Alles andere als das: Erst kürzlich hat das United Nations Human Settlements Program (UN Habitat) in New York seinen ersten Runden Tisch zu diesem Thema durchgeführt. Wissenschaftler, Ingenieure, Künstler und Investoren diskutierten über Oceanix City – eine Art Blaupause für das Leben auf dem Meer. Erdacht wurde sie unter anderem von Marc Collins, dem früheren Tourismusminister von Französisch-Polynesien. Designt wurde die schwimmende Stadt vom dänischen Star-Architekten Bjarke Ingels, auch Experten renommierter Organisationen wie UN und MIT waren mit an Bord. Die Inseln bestehen aus sechseckigen Plattformen von je rund 20.000 Quadratmetern, auf denen bis zu 300 Menschen Platz finden. Sie werden am Meeresboden verankert und können modular miteinander verbunden werden, um größere Siedlungen zu schaffen. So soll die Konstruktion auch starken Stürmen standhalten.

Die Vorstellung vom Leben auf den künstlichen Inseln geht aber noch viel weiter – und sie ist durch und durch nachhaltig. Die Bewohner sollen zu 100% erneuerbare Energie nutzen, sich mehrheitlich pflanzenbasiert ernähren und keinen Müll produzieren. Die Plattformen könnten zum Beispiel aeroponische Gewächshäuser, Unterwassergärten zur Zucht von Meeresfrüchten oder Entsalzungsanlagen beherbergen. Vielleicht am Wichtigsten: Der Wohnraum hier soll für alle erschwinglich sein. Schließlich geht es in letzter Konsequenz darum, Menschen, deren Zuhause durch die klimatischen Veränderungen bedroht ist, umzusiedeln. Und das sollte keine Frage der persönlichen Finanzen sein.

 

Neben der Tatsache, dass viele der benötigten Technologien noch nicht ausreichend entwickelt sind, stellen sich auf dem Weg der schwimmenden Stadt von der Vision zur Wirklichkeit auch politische Fragen. Beginnend mit der, wer für ihre Verwaltung zuständig wäre. Selbst wenn solche wichtigen Details noch offen sind, ist der Anfang gemacht. Künftig soll ein 25-köpfiges Gremium regelmäßig zusammen kommen, um die konkreten nächsten Schritte für die Oceanix City zu planen – und sie so schließlich zum schwimmen bringen.

Credits: OCEANIX/BIG-Bjarke Ingels Group

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