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Nachhaltigkeit

Circular Economy und das „Goldene Zeitalter der Chemie“

06.06.2016

„Circular Economy“ wird im Deutschen oft mit Kreislaufwirtschaft übersetzt, ein Begriff, den viele mit Mülltrennung und dem Gelben Sack verbinden. Dies greift allerdings viel zu kurz. Wir sprachen am Rande der Mitarbeiterveranstaltung „Talk Sustainability – Nachhaltigkeit im Dialog“ mit dem Circular-Economy-Experten Dr. Martin Stuchtey über die Wegwerfgesellschaft, die Vorteile der Circular Economy und das „Goldene Zeitalter der Chemie“.

Dr. Martin Stuchtey bei der Veranstaltung „Talk Sustainability – Nachhaltigkeit im Dialog“ in Ludwigshafen.

Herr Dr. Stuchtey, mit „Circular Economy" sprechen Sie von einer industriellen Revolution, ähnlich bedeutend wie die Globalisierung. Können Sie das näher erklären?

Martin Stuchtey: Circular Economy ist weit mehr als Recycling, es ist ein alternatives Wirtschaftsmodell, in dem es im Idealfall weder Verschwendung noch Abfall gibt. Wachstum wird dabei nicht mehr an immer höhere Produktionszahlen und den damit einhergehenden Verbrauch von Rohstoffen gekoppelt. Vielmehr geht es darum Kreisläufe zu schließen und Produkte sowie Ressourcen bestmöglich und ohne Wertverlust zu nutzen. Momentan leben wir nach einem linearen Prinzip: wir nehmen Rohstoffe, stellen daraus ein Produkt her, nutzen es nur wenige Male, um es dann in der Regel wegzuwerfen. Ein Beispiel dafür ist der private Pkw. Zur tatsächlichen Fortbewegung nutzen wir diesen durchschnittlich nur 8 % der Zeit. 92 % der Lebenszeit verbringt ein Auto im geparkten Zustand. Bei Circular Economy geht es darum, eine strukturelle Verschwendung wie diese entlang des gesamten Produkt-Lebenszyklus zu vermeiden.
 

Können Sie ein paar Beispiele dafür nennen, wie dies umgesetzt werden kann?

Stuchtey: Bei der Herstellung von Produkten können zum Beispiel anstelle von fossilen oder auch ergänzend dazu, nachwachsende Rohstoffe zum Einsatz kommen. Auch Abfall kann als sekundärer Rohstoff wiederverwendet werden. „Sharing“-Plattformen im Internet sorgen dafür, dass Produkte effizienter genutzt werden. Dies können Wohnungen sein, die während der Ferien vermietet werden, Mitfahrgelegenheiten, gebrauchte Kleidung oder Möbel, die einen neuen Besitzer finden. Abfall lässt sich außerdem durch die Weiterentwicklung von Produkten vermeiden, die so leistungsfähiger und langlebiger werden. Und dank der Digitalisierung und neuer Technologien können bestimmte Produkte sogar gänzlich ersetzt werden.

Bestes Beispiel sind Smartphones, die unter anderem CD-Player, Wecker, Terminkalender, Kamera, Bücher oder auch Flugtickets in einem Gerät vereinen. Viele Unternehmen haben das große wirtschaftliche Potenzial bereits erkannt und ihre Geschäftsmodelle entsprechend weiterentwickelt: Sie verkaufen nicht mehr nur Produkte, sondern Leistung; sprich kein Auto, sondern Mobilität.
 

Was für ein Potenzial sehen Sie für die Chemiebranche und insbesondere für ein Unternehmen wie BASF?

Stuchtey: Die Chemie nimmt mit ihrer Innovationskraft eine Schlüsselrolle ein, wenn es darum geht, neue Prozesse und Lösungen zu entwickeln. Produkte aus der Chemie können zum Beispiel für effizientere und langlebigere Endprodukte sorgen, sei es in der Automobilindustrie, bei Verpackungen oder beim Städtebau.

Der BASF Verbund ist außerdem ein tolles Beispiel dafür, wie ein Unternehmen Circular Economy bereits in der eigenen Produktion umsetzt. Energie und Rohstoffe werden im Verbund effizient genutzt und Abfall wird möglichst vermieden, auch seit kurzem durch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe auf Basis organischer Abfälle. Es geht allerdings bei Circular Economy auch darum, mit traditionellen Geschäftsmodellen zu brechen. Gewinn wird in Zukunft eher über einen bereitgestellten Service oder Expertise gemacht und weniger pro Tonne verkauften Produkts. Dies setzt natürlich ein Umdenken, insbesondere bei großen Unternehmen, voraus. Der Chemiebranche kann aber durchaus ein „Goldenes Zeitalter“ bevorstehen, wenn sie den Mut aufbringt, neue Wege zu gehen. Denn für eine Circular Economy, brauchen wir Innovationen aus der Chemie.

Über Dr. Martin Stuchtey

Dr. Martin Stuchtey ist Gründer von SYSTEMIQ Ltd, einem Unternehmen, das sich mit nachhaltigen Zukunftsmärkten beschäftigt. Bevor er sein eigenes Unternehmen gründete, arbeitete Dr. Martin Stuchtey 20 Jahre bei McKinsey & Co und gründete dort die Nachhaltigkeitsabteilung. Mit verschiedenen Kunden arbeitete er in Projekten zum Thema Circular Economy. Gemeinsam mit Ellen MacArthur initiierte Stuchtey die Circular Economy Initiative des Weltwirtschaftsforums und arbeitete dort als strategischer Berater. Stuchtey ist Dozent an der Universität Innsbruck und Autor einer Vielzahl von Artikeln und Filmbeiträgen zum Thema Ressourcenmanagement. Im letzten Jahr veröffentlichte er zusammen mit der Ellen MacArthur Stiftung die Studie „Growth Within: A circular economy vision for a competitive Europe“. Darin errechnen die Autoren, dass durch die Einführung einer Circular Economy in Europa 1,8 Billionen Euro bis ins Jahr 2030 gespart werden können.